SCHANDMAUL: zurück mit Pauken und Trompeten

Foto
Foto: Volker Beushausen
INTERVIEWPARTNER
STEFAN, THOMAS, DUCKY, ANNA KATHARINA
DATUM
20.10.2010
ORT
Berlin, Turnstyle Studio

FOTOS

Ende Oktober war es in Berlin schon alles andere als gemütlich. Bei regnerischem Wetter hatten SCHANDMAUL den langen Weg aus München in die Hauptstadt auf sich genommen, um drei Journalisten ihr neues Album „Traumtänzer“ vorzustellen. Es ist das erste Album nach ihrer einjährigen Tourpause.
Einen vorbildlichen Gastgeber gab THOMAS „TROSI“ HEIMANN-TROSIEN, den man nach dem Überqueren zahlreicher Berliner Hinterhöfe und dem Erklimmen gefühlter 500 Stufen in seinem Turnstyle-Studio erreichen konnte. Dort war schon alles perfekt hergerichtet: Erdnüsse, Gummibärchen, Bier und ein riesiger Haufen Donuts warteten auf die neugierigen Schreiber.
Die wiederum mussten zunächst erst einmal auf die Reisegruppe aus München warten. Als THOMAS, ANNA KATHARINA, STEFAN und DUCKY dann eintrafen, war das Hallo groß. Kein Wunder, schließlich ist TROSI wohl einer der nettesten Produzenten, die man sich wünschen kann. Bassist MATTHIAS und Flötistin BIRGIT waren zuhause geblieben. Letztere vor allen Dingen deshalb, weil sie laut Sänger THOMAS derzeit einen riesigen Babybauch mit sich herum trägt.
Dass aber sowohl Band als auch Produzent nicht nur sympathisch sind sondern auch musikalisch so einiges drauf haben, wurde wenig später bewiesen. Während Drummer STEFAN noch fleißig Fan-Mails beantwortete und nach News im SCHANDMAUL-Forum suchte, wurde nebenan das neue Album zum allerersten Mal der Musikpresse präsentiert.
Zu hören gab es 14 Songs, die sich auf eine Spielzeit von fast 56 Minuten erstreckten. „Traumtänzer“ ist ein typisches SCHANDMAUL-Album geworden und trotzdem merkt man dem Gespann aus München die einjährige Tour-Pause an. Viel befreiter und ohne Druck scheinen die Damen und Herren zu Werke gegangen zu sein. So spricht „Traumtänzer“ die Sprache von sechs glücklichen Musikern, die dieses Mal keine düsteren Einflüsse verarbeiten mussten. Kein Wunder: STEFAN hat während der Kreativ-Pause geheiratet, DUCKY wird Papa und BIRGIT Mama. Auch der Rest der Band machte in Berlin einen ziemlich zufriedenen Eindruck und gab bereitwillig Auskunft.

Freya: Nach eurem letzten Album habt ihr ganz bewusst ein Jahr Tour-Pause eingelegt. Was hat sich durch diese Pause für euch verändert?

Thomas: Nach der Tour zum Album „Anderwelt“ und der darauffolgenden zum zehnjährigen Jubiläum waren wir ziemlich abgerockt. Danach mussten wir unbedingt an die Steckdose. Die Zeit haben wir genutzt, um das neue Album zu schreiben. Es hat uns sehr gefallen, dass wir zwischendurch eben keine Konzerte spielen oder auf Festivals abhängen mussten. Wir konnten uns für das Album richtig viel Zeit lassen und ich denke, dass man das auch hört. Wir haben dieses Mal nicht zwischen Tür und Angel produziert.

Woran könnt ihr das festmachen? An welchen Details hört man dieses Mehr an Ruhe und Zeit heraus?

Thomas: An der Ruhe, am Karma. (lacht)

Anna Katharina: An der Ausgelassenheit und am Spielen selber. Da gibt es nichts Verkrampftes. Wir waren einfach entspannt. Bei dieser CD war es uns auch mal egal, wenn die Töne nicht zu 100 Prozent perfekt waren. Wenn wir gemerkt haben, dass das Spielen gerade lebt, dann haben wir es einfach laufen lassen.

Stefan: Es kling einfach alles viel verspielter. Stell dir vor, du versuchst etwas Kreatives zu schreiben und hast ständig den Termin im Hinterkopf. Dann kannst du auch nicht einfach loslassen. Das war bei uns in diesem Fall gar nicht so. Wir konnten völlig entspannt drauflos spielen und mit Tönen und Stimmungen experimentieren. Wir konnten mit dem Album da anknüpfen, wo wir mit „Sinnfonie“ aufgehört haben. So ist „Traumtänzer“ ganz einfach ein schönes Rock’n’roll-Album geworden.

Freya: Wann habt ihr mit den Arbeiten an „Traumtänzer“ angefangen? Direkt nach dem letzten Konzert oder habt ihr erstmal Urlaub genommen?

Thomas: Wir sind am Tag nach dem letzten Konzert für eine Woche zusammen in Klausur gegangen. Wir haben uns im bayerischen Wald eine Hütte gemietet und einen provisorischen Proberaum eingerichtet. Dort haben wir den ganzen Tag über Musik gemacht und vorher gesammelte Ideen in eine Form gebracht. Natürlich hatte jeder in unserer Tour-Pause auch Zeit, um in den Urlaub zu fahren. Trotzdem haben wir ab dem letzten Konzert stetig am neuen Album gearbeitet.

Freya: Was ist sonst noch in eurer Pause passiert? Ist noch jemand außer BIRGIT schwanger geworden, habt ihr mit dem Rauchen aufgehört?

Ducky: Ja, ich bin schwanger geworden. Ich werde bald Papa.

Stefan: Und ich habe geheiratet. Aber davon abgesehen war es nicht so, dass wir ein Jahr lang in der Hängematte lagen. Es war immer Arbeit da. Erstmal hat THOMAS mit uns das gesamte Album im Proberaum aufgenommen. Wir haben uns noch nie so eine lange Zeit für die Vorproduktion gelassen. DUCKY wohnt nicht in München, war aber sehr viele Tage da und so haben wir von Montag bis Freitag jeden Tag acht Stunden durchgearbeitet. Dann ging es auch schon ins Studio. Parallel haben wir an unserer Homepage gebastelt und andere Dinge vorbereitet. Uns war also nie langweilig.

Freya: Damals klang die Ankündigung eurer Pause eher so, dass ihr auch untereinander erst einmal Abstand benötigen würdet und euch auch gegenseitig für eine Weile nicht mehr sehen wolltet.

Stefan: Nein, so war es gar nicht. Wirklich angenehm war es, dass endlich mal der Koffer mit den Bühnenklamotten für ein Jahr im Keller verschwunden ist. Endlich konnten wir mal wieder Musiker sein. Ich zum Beispiel konnte endlich mal wieder Schlagzeug für mich selbst spielen und nicht, weil ich für eine Tour oder eine Studioaufnahme proben musste. So hat jeder die Zeit genutzt, um sein Instrument wieder auszugraben.

Anna Katharina: Jeder hat in diesem Jahr seine eigenen Schwerpunkte gesetzt, um Kraft zu tanken. Für uns war es aber auch schön, endlich mal wieder ein Wochenende zuhause zu sein, an Familienfesten teilnehmen und „normale“ Freunde treffen zu können. Auf der anderen Seite hat jeder auch mal gekuckt, wo er neue musikalische Anregungen finden und sich ausprobieren und fortbilden kann.

Freya: Ist es denn nicht komisch, wenn man ganz plötzlich wieder Zeit für sich selbst hat? Hattet ihr das bei dem ganzen Touren vorher verlernt?

Anna Katharina: Ich bin durchaus auch mal in ein Loch gefallen. Ich schaffe es nämlich nicht, einen Monat lang ohne ein Konzert zu sein. Aber dann muss man sich eben eine neue Beschäftigung suchen und etwas aus der Zeit machen. Ich konnte zum Beispiel mit meinem Soloprojekt Gas geben.

Stefan: Für uns war es außerdem schwierig, dass wir nichts über unsere neuen Pläne sagen durften. Wir hatten ja ein Jahr Sendepause angekündigt und mussten unsere neuen Ideen erst einmal geheim halten. Wir haben richtig mit den Füßen gescharrt. Es ist schon komisch, wenn man jahrelang auf 180 unterwegs ist und dann plötzlich diese Leere kommt. Du steigst aus dem Tourbus aus, er fährt weg und du stehst da mit deinen Koffern. Das ist seltsam.

Freya: Wie sind denn die neuen Songs entstanden? Wer war für was zuständig?

Thomas: Songs entstehen bei uns immer so, dass einer mit einer Lagerfeuer-Fassung ankommt. Dann gehen wir damit in den Proberaum und feilen zu sechst so lange daran herum bis der Song steht. Dieses Mal hat sich MATTHIAS auch das erste Mal an einem Text versucht.

Ducky: Bei uns gibt es kein musikalisches Mastermind. Grundsätzlich ist jeder für sein Instrument verantwortlich. Warum sollte ich ANNA auch erzählen, was sie auf der Geige spielen soll und warum sollte sie mir bei den Akkorden reinreden. Das weiß jeder für sich selbst am besten. Trotzdem ist der gemeinsame Prozess sehr wichtig. Wenn nur einer alles bestimmen würde, dann würde alles nur einem Kopf und einem Herzen entspringen. Wenn sechs Leute ihr Herzblut in die Musik rein geben und auch noch das Gleiche dabei empfinden, dann wird es emotional viel schöner.

Freya: Birgt das gemeinsame Arbeiten an einer CD nicht auch die Gefahr, dass letztlich alles etwas überladen wirkt? Zum Schluss muss doch mal jemand sagen, wie das jetzt gemacht wird und das Ganze von außen betrachten.

Anna Katharina: Wenn du in dem Prozess drin bist, kannst du ihn eigentlich gar nicht mehr von außen betrachten. Man braucht immer noch mal jemanden, der sich das anhört und dann auch sagt was geht und was nicht. Das ist dann die Aufgabe von unserem Produzenten TROSI. Aber lange diskutiert haben wir an keiner Stelle. Dadurch, dass wir schon so lange in dieser Besetzung zusammen Musik machen, sind wir auch schon ein eingespieltes Team.

Freya: Hattet ihr Unterstützung beim Einspielen des Albums? In die Trompeten habt ihr doch sicherlich nicht selber geblasen.

Stefan: Bei „Bis Zum Morgengrauen hat die Trompete ein alter Freund von mir eingespielt in tausenden Versuchen. Er hatte sein Instrument seit drei Jahren nicht in der Hand. Bei „Der Assassine“ haben Freunde von THOMAS die Trompeten eingespielt. Die Band heißt ORANGE FIZZ und macht normalerweise Funk. Geschrieben wurde der Bläsersatz von HEINER JASPERS, der bei unserer Rockband WETO das Keyboard spielt.

Freya: Wie habt ihr denn die Reihenfolge der Songs festgelegt?

Thomas: Man will ja immer ein Gesamtpaket mit einer ausgewogenen Mischung haben und einen Spannungsbogen über das gesamte Album führen. Wir haben die Songs lange hin und her geschoben und uns dann auf eine Reihenfolge geeinigt. Das verlief sehr harmonisch.

Freya: Auf „Traumtänzer“ sind viele Songs enthalten, in denen es um Liebe und Zweisamkeit geht. Liegt das vielleicht daran, dass ihr alle in glücklichen Beziehungen seid?

Thomas: (lacht) Ja, das kann durchaus sein. Es hat auch jeder so ein Lied beigesteuert.

Ducky:: Wir sind alle in glücklichen Beziehungen und das merkt man sicherlich auch an der Musik.

Freya: Es sind dieses Mal auch keine richtig traurigen Songs dabei. Auch wenn man nicht der emotionalste Typ war, musste man bei früheren Songs ja doch das eine oder andere Mal ordentlich schlucken.

Stefan: Wir haben früher öfter Kritiken zu Alben bekommen, in denen stand, dass wir so viele Depri-Songs hätten. Dabei haben wir während der Entstehungsphase durchaus viel und lustig gefeiert. Trotzdem dachten viele wir wären nicht gut drauf. Dieses Mal ist das Album eben fröhlicher geworden.

Anna Katharina: Es hat sich einfach so ergeben. Vielleicht hat es tatsächlich damit zu tun, dass wir im vergangenen Jahr einfach loslassen und runterkommen konnten.

Stefan: Man merkt einfach, wie der Akku wieder auflädt. THOMAS zum Beispiel muss man normalerweise aus dem Tourbus prügeln, aber vor der Pause hatte er auch keine rechte Lust mehr. Aber jetzt kann es wieder richtig losgehen.

Freya: Werdet ihr nach eurer Pause kürzer treten, um erstmal langsam wieder reinzukommen oder folgt gleich das volle Programm mit Touren und Festivals.

Stefan: Wir werden natürlich wieder richtig loslegen. Allerdings erwartet BIRGIT jetzt erst einmal ihr Baby. Wenn es ihr gut geht, wovon wir alle ausgehen, werden wir im nächsten Jahr richtig viel spielen. Wir haben viel in der Pipeline, aber offiziell bestätigt ist bis jetzt erst einmal nur die Tour.

Freya: Freut ihr euch denn jetzt so richtig auf das erste Konzert? Seid ihr vielleicht sogar aufgeregter als früher?

Thomas: Ja, klar. Das muss sich auf der Tour auch erstmal wieder alles neu einspielen. Wir können so eine Bühnenshow ja nicht im Proberaum ausprobieren. Das wird sicherlich spannend.

Freya: Habt ihr bei dieser Tour auch wieder einen Raucherbus dabei? Schließlich darf man in Nightlinern ja nicht mehr rauchen.

Stefan: Stimmt, die letzten Male waren wir mit zwei Bussen unterwegs, weil wir so viele Leute waren. Da haben wir dann nach Rauchern und Nichtrauchern sortiert. Aber es gibt einige Leute bei uns, die es nicht mögen, wenn im Bus geraucht wird und dann wird das auch nicht getan.

Anna Katharina: Wir haben Forschungen angestellt, in welcher Position man vorne beim Fahrer rauchen kann, ohne dass Rauch in den Bus zieht. (lacht)

Stefan: Wir haben auch überlegt wie wir BIRGIT unterbringen. Sie ist während unserer Tour gerade mal drei Monate lang Mutter. Wir hatten zuerst überlegt uns Ersatz für sie zu besorgen oder sie ins Hotel zu stecken, aber sie wollte unbedingt bei uns dabei sein. So fährt sie mit einem Wohnmobil und bekommt einen eigenen Fahrer und eine Nanny. Wir sind schon alle sehr gespannt wie das klappen wird. Dieses Mal fahren wir auch nicht mehr zehn Tage am Stück auf Tour. Wir spielen nur noch donnerstags bis sonntags. So kann sich THOMAS’ Stimme erholen und die Veranstalter freuen sich auch. Die wollen sowieso lieber die Termine zum Ende der Woche hin buchen. So kann BIRGIT sich auch immer erholen und DUCKY kann nach Hause zu seiner Familie fahren. Der Plan geht dieses Mal richtig gut auf.

Persönlich könnt ihr euch von „Traumtänzer“ bei den zahlreichen Release-Partys überzeugen, die SCHANDMAUL in der Woche vor und nach der Veröffentlichung der CD geben werden. Natürlich sind die Bandmitglieder live vor Ort und der eigens engagierte DJ wird für ordentlich Stimmung sorgen. Die Daten findet ihr auf der Website der Band.
„Traumtänzer“ erschien am 28. Januar 2011 in verschiedenen Editionen.

Mit freundlicher Genehmigung vom Gothic Magazine.

TEILEN

AUTOR

Freya
Freya:
"SCHANDMAUL sind zurück!"