OHRENFEINDT
Man könnte sie als beste deutsche AC/DC-Kopie aller Zeiten bezeichnen und OHRENFEINDT aus Hamburg geben auch unumwunden zu, dass sie von den großen Australiern beeinflusst wurden. Trotzdem ist das neue Album der Nordlichter "Schwarz Auf Weiss" viel mehr als eine reine Kopie, es ist eher eine Hommage. Und dass OHRENFEINDT die musikalischen Fühler trotz der eindeutigen Ausrichtung auf "Schwarz Auf Weiss" in alle Richtungen ausstrecken, beweisen sie im Interview und nicht zuletzt bei der Singleversion von "Wenn Die Sonne Untergeht" für die sie MICHAEL von IN EXTREMO als Gast gewinnen konnten. Wie es dazu kam und warum St. Pauli der beste Kietz von allen ist, verriet die Band im Interview.
Ben: Eure Homepage ist mit “Vollgasrock” überschrieben. Beschreibt das ein Lebensgefühl und was verbindet ihr generell mit dem Begriff “Vollgas”?
Chris Laut: Bei uns geht es thematisch vereinzelt um Autos und Motorräder – und oft um den Spaß am Leben an sich. All das verbinden wir mit dem Wort "Vollgas" - die Kerze an beiden Enden anzünden und immer munter drauf los.
Ben: Man hört “Schwarz Auf Weiss” für meinen Geschmack sogar noch deutlicher als den Vorgängern die AC/DC-Schlagseite an. Hand aufs Herz, wer ist bei euch der größte Fan der Australier?
Chris Laut: Wir versuchen uns gegenseitig darin zu überbieten, der größte AC/DC-Fan zu sein. DENNIS (HENNING, Gitarre) kann wohl jedes AC/DC-Riff nachts um drei mit gefesselten Füßen spielen und ich (CHRIS LAUT, Bass & Gesang) habe sie über 50 mal live gesehen. FLASH (OSTROCK, Drums) muss sich da seine Sporen noch verdienen, er ist ja erst seit einem Jahr dabei. Derzeit denken wir über ein großes AC/DC-Logo als Rückentätowierung für ihn nach...
Ben: Habt ihr die Band im letzten Jahr auf ihrer "Black Ice"-Tour gesehen? Wie fandet ihr das "Comeback" (auch wenn sie nicht wirklich weg waren nenne ich es mal so) von AC/DC?
Chris Laut: Zur letzten Tour haben wir das nicht geschafft. Wir waren ja mit unserer neuen Scheibe beschäftigt, da muss man Prioritäten setzen. Immerhin reimt sich der Titel aber auf "Black Ice". (gelächter) Alle drei von uns finden den Sound der Scheibe ziemlich klasse, jeder bevorzugt aber andere Songs. Das ist eigentlich immer ein gutes Zeichen. Dass sich die Herren auf ihre alten Tage mal an 'ne Bottleneck-Nummer gewagt haben, gefällt uns allen sehr.
Ben: Euer zweiter großer Einfluss ist ja St. Pauli – seid ihr auch regelmäßig am Millerntor zu Gast? Und was macht euren Kiez so besonders für euch?
Chris Laut: Dauerkarte, Baby! So was kriegst du heute nur noch mit viel Geld, viel Glück und sexuellen Gefälligkeiten. Also, du brauchst nicht eins dieser Dinge, sondern alle drei zusammen. Und CHRIS hat so was – und zwar schon so lange, dass das mit dem Geld nicht so wichtig war. Er nimmt alle Heimspieltage mit, an denen wir nicht selbst spielen.
Der Kiez ist der Mittelpunkt unserer Welt. Der Kiez ist Jekyll und Hyde. St. Pauli ist vier Tage in der Woche ein beschauliches Dorf in der Mitte einer Millionenstadt und drei Tage der größte Feier- und Partytempel Deutschlands. Hier triffst du die schrägsten und abgefahrensten Leute, hier brodelt das Leben. In wenigen Fußminuten bist du in den angesagtesten Clubs und heißesten Tanzbuden der Stadt. St. Pauli ist der heiße Scheiß – mehr geht nicht!
Ben: Könntet ihr euch auch vorstellen in einer anderen deutschen Stadt als Hamburg zu leben? Was würde euch denn noch reizen?
Chris Laut: Aus heutiger Sicht können wir uns das definitiv nicht vorstellen. Wir kommen ja viel rum und sehen jedes Jahr viele Orte in Deutschland, an denen wir noch nicht waren. Wir sehen aber auch viele Orte und Läden jedes Jahr wieder. Das ist eine Art "Nach-Hause-Kommen" weit weg von zuhause. Wir haben da also ganz gute Vergleichsmöglichkeiten. Für uns ist St. Pauli das Ding, hier gehen wir nicht weg.
Ben: Ihr habt auf eurer Single ja die Unterstützung von MICHA (DAS LETZTE EINHORN) von IN EXTREMO gehabt – wie kam der Kontakt zustande?
Chris Laut: Wir haben in den letzten Jahren öfter auf Festivals gespielt, auf denen IN EXTREMO auch gespielt haben – da läuft man sich immer wieder mal über den Weg. Das passiert vor allem dann, wenn unter den Musikern in den Bands eher offene, kontaktfreudige Menschen sind. Das ist bei IN EXTREMO so und bei uns auch. Wir mögen, was IN EXTREMO tun, und IN EXTREMO finden unser Zeug wohl auch ganz schick. Irgendwann hat CHRIS mal MICHAEL auf dem Kiez getroffen und ihm gesagt, dass er gerade einen Song in der Mache hat, zu dem MICHAELS Stimme einfach klasse passen würde. MICHAEL hat sich das Ding angehört, sofort genickt und ist zu uns nach Hamburg ins Studio gekommen, um den Titel einzusingen. Und wenn du dir heute MICHAELS Version von "Wenn Die Sonne Untergeht" anhörst, merkst du gleich, dass er dem Song was ganz Besonderes verliehen hat. Hammer!
Ben: Ist die Tatsache, dass ihr IN EXTREMO auf ihrer Tour supporten dürft auch diesem Kontakt geschuldet?
Chris Laut: Nee, das hat sich völlig unabhängig von der Single entwickelt. IN EXTREMO haben uns ja zu ihrem Jubiläumsfestival "Wahre Jahre" in Erfurt eingeladen – ein heißer Ritt für uns, da wir am gleichen Tag noch eine Festivalshow in Bayern hatten. Aber das hat dann doch alles wunderbar geklappt. In Erfurt hat es auch super hingehauen und daraus ist dann die Idee entstanden, irgendwann mal zusammen zu touren. Dass es dann so schnell gehen würde, hätten wir nicht gedacht. Aber vielleicht verstehen wir uns auch deshalb so gut miteinander: beide Bands schnacken nicht lang rum, da werden Ideen eben auch umgesetzt, und oft ganz schön flott.
Ben: Wird es auch eine eigene Headliner-Tour zu “Schwarz Auf Weiss” geben?
Chris Laut: Keine Headliner-Tour im klassischen Sinne. Wir spielen sowieso das ganze Jahr und so viel und so oft wir können und man uns lässt. Sicher werden wir im Sommer den Schwerpunkt auf "Schwarz Auf Weiss" legen. Grundsätzlich aber gilt: gib' uns 'ne Bühne und wir rocken das Ding!
Ben: Wenn ihr freie Auswahl hättet, mit welchem Musiker würdet ihr außerdem gerne einmal zusammenarbeiten?
Chris Laut: Ganz klar mit den Herren YOUNG, YOUNG, JOHNSON, WILLIAMS und RUDD (das AC/DC-LineUp, d. Red). SLASH wäre ein Traum, BRIAN MAY, LENNY KRAVITZ... Ähm, wie viel Platz hätten wir denn? Will sagen: da gibt es so viele unglaublich beeindruckende Musiker auf dieser Welt, wir würden nie ein Ende finden, wenn wir länger drüber nachdenken.
Ben: Zum Schluss noch die unvermeidliche Frage: BRIAN JOHNSON oder BON SCOTT?
Chris Laut: Die Frage stellt sich ja nicht wirklich, denn BON ist leider viel zu früh gestorben. Deshalb ist die Frage eher akademischer Natur. Aber auf der Ebene vielleicht ein paar Gedanken: BON wie BRIAN sind/waren auf ihre Art großartig. BRIAN wäre nicht seit 1980 in der Band und hätte mit seinem Debüt bei der Band nicht so unglaublich viele Alben verkauft, wenn er ein schwacher Sänger wäre. BRIAN ist aus unserer Sicht der Working-Class-Hero, der mit ehrlichem Schweiß auf der Bühne malocht, dass es kracht. BON war mehr der Charmeur und Poet. Beide haben auf ihre Weise unvergleichliche und unvergessliche Rock'n'Roll-Lyrik verfasst und Rock'n'Roll-Geschichte geschrieben. Wir finden beide toll.
Ben: Danke für eure Zeit, die letzten Worte an unsere Leser überlasse ich euch.
Chris Laut: Das Geschäftliche zuerst: kauft die neue Scheibe! Ist ja für 'nen guten Zweck: wir zahlen unsere Harleys mit der Knete. Frei nach Goethe: wenn du "Schwarz Auf Weiss" besitzt, kanns' das getrost nach Hause tragen. Und Deine Nachbarn hören die ganze Nacht volle Pulle OHRENFEINDT – ob sie wollen oder nicht. Bei aller Feierei aber nie vergessen: wer säuft, sollte seine Karre stehen lassen! Scheun' Dank vonne Waterkant!




