NEMHAIN
Wenn Models Bands gründen, ist das oft eher ein Prestige-Objekt, als eine Musik-Gruppe. Nicht so bei NEMHAIN.
Gegründet wurde die Band von Fetisch-Model MORRIGAN HEL, die hier unter ihrem bürgerlichen Namen AMBER ERLANDSSON auftritt und ihrem Ehemann ADRIAN ERLANDSSON. Der hat schon so einiges an musikalischer Erfahrung auf dem Buckel. So musizierte er schon bei Kapellen wir THE HAUNTED, CRADLE OF FILTH und PARADISE LOST.
Herr und Frau ERLANDSSON zeigen mit NEMHAIN, dass es eben doch möglich ist, guten, ehrlichen Rock’n’roll zu spielen, selbst wenn man ursprünglich aus einer ganz anderen Ecke des Showbusiness kommt. Im Interview zeigte sich das sympathische Paar sehr offen und freundlich und plauderte gerne über Vergangenheit und Gegenwart.
Und obwohl dieses Interview schon vor einiger Zeit geführt wurde, ist es jetzt anlässlich der nun endlich anstehenden Tour doch wieder Top-aktuell.
Ben: Lasst uns doch einmal weit in der Vergangenheit anfangen: Wart ihr in der Schule eigentlich eher Klassenclowns oder doch eher unauffällige Schüler?
Amber: Ich war ziemlich übel. (lacht) Ich habe immer geraucht, getrunken und bin nicht in der Schule erschienen.
Adrian: Ich habe den Leuten immer gerne Streiche gespielt und war ein Störenfried. Deshalb musste ich auch oft nachsitzen und habe von meinem Vater Arger bekommen. Das hat auf einmal aufgehört, als ich Musik entdeckt habe. Als ich angefangen habe, Schlagzeug zu spielen, ist mehr von meiner Aufmerksamkeit dahin gegangen und ich habe aufgehört, Ruhelos zu sein und Dinge kaputt zu machen. (lacht)
Ben: Kannst du dich noch daran erinnern, wann du das erste Mal mit Rockmusik in Berührung kamst und Schlagzeug gespielt hast?
Adrian: Ja. Als ich aufgewachsen bin, gab es gar keine Musik bei uns im Haus. Ich glaube wir hatten nicht einmal einen Kassettenrekorder. Wir hatten nur ein Radio in der Küche und mein Vater hatte ein Tape von BONEY M. Wir sind dann irgendwann aufs Land gezogen und in unserer Straße hat ein Junge gewohnt, der eine E-Gitarre hatte. Sein älterer Bruder stand auf Heavy Metal und er hat mir AC/DCs „Back In Black“ vorgespielt. So etwas hatte ich noch nie gehört. Ich bin also nach Hause gegangen und habe meinen Vater so lange genervt bis er uns einen Plattenspieler gekauft hat. Und „Back In Black“ war dann auch mein erstes Album. Ich wusste also, dass ich Musik machen wollte. Ein paar Monate später habe ich mir „Screaming For Vengeance“ von JUDAS PRIEST gekauft und dann wusste ich, dass ich Schlagzeug spielen wollte. Ich habe also angefangen, auf den Tischen überall sonst herum zu klopfen. (lacht)
Amber: Bei mir war es anders. Wir hatten immer Musik im Haus und ich habe schon in der Schule bei den traditionellen walisischen Eisteddfods gesungen. Außerdem waren meine Eltern Hippies. Mein Vater war damals ein Biker und hat Musik wie LED ZEPPELLIN, BLACK SABBATH und THE DOORS nach Hause gebracht. Ich habe also schon immer mit dieser Musik zu tun gehabt. In der Schule habe ich von meinem damaligen Freund eine Gitarre gekauft, eine weiße Fender. (lacht). Ich wollte damals lernen, wie man Gitarre spielt und eine Band gründen.
Adrian: Er hat sie dir verkauft?
Amber: Ja, er hat sie mir verkauft. Ich habe 90 Pfund oder so dafür bezahlt. Ich bedauere jetzt ein wenig, dass ich sie verkauft habe.
Ben: Du hattest damals aber auch schon Bands, habe ich gelesen?
Amber: Ja, ich hatte, als ich dreizehn oder so war, meine erste Band. Und als ich sechzehn war, hatte ich auch eine Band, aber wir haben immer nur geprobt und es nicht einmal geschafft, ein Konzert gegeben. Schade eigentlich. Ich habe aber schon damals Texte geschrieben und schlecht Gitarre gespielt (lacht). Ich bin auch sehr früh in Clubs gegangen und habe mir Bands angesehen.
Ben: Kannst du dich denn noch daran erinnern, wer die erste Band war, die du live gesehen hast?
Amber: Ja, ich erinnere mich noch sehr gut. Ich war zwölf und meine Mutter ist zum Konzert gegangen, weil sie einen Typen von der Band mit dem Namen CHEAP AND NASTY kannte. Das war einer der Typen von HANOI ROCKS. Sie kannte den, weil sie gemeinsam mit ihm bei den anonymen Alkoholikern war. (lacht) Jedenfalls hat sie mich mitgenommen. Und das war das erste Date mit meinem damaligen Freund und wir sind zusammen zum Marquee in London gefahren, das es nicht mehr gibt.
Adrian: Bei mir war das nicht so cool. (lacht). Ich glaube mein erstes Konzert war MARILLION. Ich bin bloß mitgegangen, weil der Bruder eines Freundes ein Auto hatte und ein Ticket übrig war, deshalb bin ich eben mitgefahren. Danach bin ich zu DEF LEPPARD auf die „Hysteria“-Tour gegangen. Das war richtig schlecht. (lacht) Ich habe so weit weg von allem auf dem Land gelebt, dass die nächste Stadt etwa eine Autostunde entfernt war. Es gab nicht einmal Busse nach 20 Uhr. Deshalb gab es kaum Konzerte und die Musik, die es gab, war hauptsächlich die, die man selber gespielt hat.
Ben: Das war dann doch sicherlich ein Anreiz noch mehr zu spielen und zu üben.
Adrian: Ja, auf jeden Fall!
Amber: Oder eben ein Anreiz, sich öfter zu betrinken... (lacht)
Adrian: Ja, oder das. Mit der ersten Band, die ich hatte, haben wir einen Stall von einem Bauern gemietet, in dem wir nach der Schule geübt haben. Wir hatten Mopeds und sind damit raus gefahren. Außerdem haben wir dort unser eigenes Bier gebraut. Wir hatten so ein Kit, zum Bierbrauen und wir haben ziemlich schnell herausgefunden, dass das Bier stärker wird, wenn man mehr Zucker hinein tut. Nur war es dann eben voll mit Klumpen mit Hefe und so. Das war ziemlich schrecklich. (lacht) Gespielt haben wir damals hauptsächlich Covers.
Ben: Wessen Einflüsse hört man eigentlich auf eurem Album heraus?
Adrian: Oh, keine Ahnung. Ich glaube so wie die Songs geschrieben werden, hört man alle Bandmitglieder heraus. Unser alter Gitarrist hat etwa die Hälfte der Songs zusammen mit AMBER geschrieben.
Amber: Ja, ich habe meine Texte beigesteuert und dann haben wir einen Song daraus gemacht. Das war dann immer ein grober Vorschlag, mit dem wir in den Proberaum gegangen sind. Von da aus hat dann die restliche Band ihren Part beigetragen. Aber die Songs sind alle unterschiedlich entstanden. Irgendwie ist es so etwas wie ein „Frankeinstein“-Album mit lauter Einzelteilen, die wir zusammen geflickt haben. (lacht)
Adrian: Die Songs nehmen ihre Gestalt im Proberaum an, auch wenn die Grundzüge von Gitarren und Gesangslinien her, zu Hause geschrieben werden. Einer der Songs wurde übrigens um die Bass-Linie herum geschrieben. Wir spielen die Songs immer wieder und stellen fest, was funktioniert und was noch mal überarbeitet werden muss.
Amber: Einmal hatten wir auch zwei Teile von verschiedenen Songs, die alleine nicht funktioniert haben. Die haben wir zu einem neuen Song zusammengefügt.
Ben: Welche Texte sind dir denn persönlich besonders wichtig?
Amber: Sie sind mir alle ziemlich wichtig. Sie haben alle verschiedene Themen und Hintergründe. Manche handeln von Personen oder Erlebnissen, manche sind persönlich, manche sind unpersönlich. Sie sind eben alle verschieden, aber sie sind alle sehr wichtig für mich.
Ben: Wie schwer ist es eigentlich für dich persönliche Texte auf der Bühne zu singen?
Amber: Das ist ziemlich cool. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber wenn ich auf der Bühne stehe, dann denke ich überhaupt nicht mehr nach. Dann übernimmt ein anderer Teil meines Bewusstseins die Kontrolle und es passiert alles einfach. Man wird wie von einer Kraft getrieben und handelt nicht bewusst. Ich finde das ist ein cooles Gefühl.
Ben: Adrian, wie ist das eigentlich für dich? Du hast in vielen Bands gespielt, die unglaublich erfolgreich und groß sind. Wie ist es jetzt, wieder einen Schritt zurück zu gehen und in kleinen Clubs zu spielen und von vorne zu beginnen?
Adrian: Das macht mir überhaupt nichts aus. Einer der Gründe, warum ich gerne Musik mache, ist der Prozess, bei dem etwas entsteht. Der ist der Selbe, egal ob man 100.000 Pfund hat, um etwas aufnehmen zu können oder ob man die Aufnahmen selber finanziert, wie das bei NEMHAIN der Fall war. Darüber habe ich deshalb gar nicht nachgedacht. Es macht einfach Spaß, die Songs zu schreiben, zu arrangieren, neu zu arrangieren und damit zu experimentieren. Das ist wie eine Droge für mich. Und wenn die musikalischen Beziehungen in einer Band neu sind, dann ist alles frisch und aufregend und macht wirklich Spaß. Das hat mir wieder neue Lebensenergie gegeben. Wenn man mit einer Band auf Tour ist, dann vergisst man schnell, warum man überhaupt angefangen hat, Musik zu machen. Und das habe ich jetzt bei NEMHAIN wieder erlebt.
Ben: Das war dann also eine einfache Entscheidung für dich.
Adrian: Oh ja! Die Band wurde ja nie als Karriereschritt gegründet oder um erfolgreich zu sein, sondern weil wir die Idee gut fanden, zusammen eine Band zu haben und weil wir mit unseren besten Freunden zusammen Musik machen wollten. Wir sind alle sehr gut befreundet in der Band und gehen auch zusammen zu Parties oder Konzerten. Deshalb ist die Band nur eine Erweiterung unserer Freundschaft. Manche der Bands, in denen ich war, da war die einzige Verbindung zwischen den Bandmitgliedern die gemeinsame Band. Auf einer längeren Tour kann das schon sehr anstrengend sein.
Amber: Das liegt sicher auch daran, dass NEMHAIN dein Projekt ist und nicht nur eine existierende Band, in die du einsteigst.
Adrian: Ja, das stimmt. Aber als wir die Reunion von AT THE GATES vor zwei Jahren gemacht haben, hat das auch etwas von dem Gefühl transportiert, das die Gründung von NEMHAIN mir gegeben hat. Das war wirklich sehr schön und wir hatten magische Momente auf der Bühne.
Amber: Du hörst dich an, wie eine Werbung für Pralinen „Magische Momente“. (lacht)
Adrian: (lacht) Nein. Es gab natürlich auch Scheiß-Momente. Aber die Tatsache, dass das passiert ist, nachdem ich CRADLE OF FILTH verlassen hatte, war auch sehr angenehm, weil ich nicht mehr düster und böse und Black Metal sein musste. Wir spielen bei NEMHAIN einfach nur die Musik, die wir gerne hören möchten. Aber trotzdem gab es natürlich auch da einige schlechte Momente. Zum Beispiel unsere Line-Up-Wechsel. Die kamen, weil wir Leute zu früh in die Band aufgenommen hatten, bevor wir sie wirklich kannten. Dann fährt man mit der Band über das Wochenende weg und es fühlt sich an, als würde man ein wirklich schlecht sitzendes Hemd tragen. (lacht)
Amber: Es ist ganz cool, dass wir jetzt fast beim selben Line Up angekommen sind, mit dem wir gestartet hatten mit nur einer Ausnahme. Wir haben uns also genau einmal im Kreis bewegt.
Ben: Du hast schon gesagt, wie gerne du live spielst. Warst du denn sehr enttäuscht, als die zuerst geplante Tour in Deutschland abgesagt wurde?
Amber: Ja, natürlich war ich enttäuscht. Aber andererseits hätte ADRIAN die ersten Gigs wegen anderer Tour-Verpflichtungen nicht spielen können. Wir hätten einen Ersatzdrummer gehabt. Jetzt, wo die Tour verschoben wurde, und ADRIAN alle Dates mitspielen kann, finde ich das natürlich besser. Außerdem ist das Album dann schon ein paar Monate auf dem Markt und die Leute hatten Zeit, es sich anzuhören und die Songs kennen zu lernen. Ich freue mich auch schon sehr auf die Konzerte im Mai.
Ben: Wie ist das eigentlich, wird es Special Effects oder so geben oder wie wird eure Show sein?
Amber: Viele Leute fragen mich, ob ich irgendwas mit Feuer oder so machen möchte. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das nicht besonders praktisch. In vielen Clubs ist das sicher nicht erlaubt und ich sehe mich vor meinem inneren Auge schon, wie ich LAKI, unseren Gitarristen anzünde. (lacht) Und dann muss die Feuerwehr kommen und alles ist schrecklich.
Adrian: Damit man so was machen kann, braucht man eine wirklich große Location.
Amber: Ja, ein Festival oder eine große Halle – dann könnte es funktionieren. Aber im Moment wollen wir einfach nur in kleinen, schmutzigen Rock-Clubs spielen, da geht das nicht.
Ben: Als ich das Album das erste Mal gehört habe, war ich etwas überrascht. Wenn man Info-Texte liest, dann hat man oft schon eine Idee, was einen erwartet und wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist ein Model, das singt, meist keine besonders gute Referenz. Bei euch funktioniert das aber wunderbar.
Amber: (lacht) Ja, es ist irgendwie schon ein Klischee und meist ist es auch wirklich grausam.
Ben: Hattest du denn Sorgen, dass es bei euch auch „grausam“ werden könnte oder dass die Leute es schlecht finden könnten?
Amber: Es gibt viele Leute, die uns gar nicht gut finden wollen und die unsere Musik nicht verstehen werden. Es ist eben dieses Klischee und es gibt viele Leute, die die Idee nicht mögen, dass jemand mehr als eine Sache machen kann. Und wenn die Leute so denken wollen, dann sollen sie so denken. Ich bin nur hier, um Musik zu machen, zu Singen und eine gute Zeit zu haben. Ich denke, dass die Leute, die zu unseren Konzerten kommen oder unsere Musik hören, auch nur Spaß haben wollen und das ist gut. Es hat doch keinen Sinn, jemanden überzeugen oder überreden zu wollen. Die sind mir dann egal.
Ben: Das ist sicher die richtige Einstellung für Rock’n’roll. Genauso wie besonders Musikredakteure oft von jedem Album die große Revolution und etwas Neues erwarten.
Amber: Ja. Das ist schrecklich. Die Leute suchen immer nach etwas Neuem. Sie sollten aufhören, zu suchen und einfach nur die Musik genießen. Hört einfach auf, ein Riff zu analysieren. Es ist ganz einfach.
Ben: Also, was ist die beste Art, um eure Musik zu genießen?
Amber: Vermutlich nach einigen starken Drinks. (lacht) Wirklich laut, ohrenbtäubend und betrunken. (lacht)
Adrian: In letzter Zeit ist es ein paar Mal passiert, dass wir in einem Club in London waren, wo wir auch unsere Record-Release-Party gefeiert haben. Ein paar Wochen vor der Release-Party waren wir auch wieder dort. Dann wurde ein Song gespielt, der uns irgendwie bekannt vorkam. Wir fragten uns, was das sein könnte und irgendwann fiel uns auf, dass es unsere CD war, die da lief. (beide lachen)
Ben: Dann danke ich euch für dieses unterhaltsame Gespräch. Ich freue mich schon auf euere Tour.
Amber + Adrian: Wir danken dir. Das war wirklich lustig.


