MIRIAM PHARO: "Hanseapolis" - eine mörderische Zukunft
"Hanseapolis" ist eine Namensschöpfung der Autorin MIRIAM PHARO und steht für die hochtechnisierte Verschmelzung der Städte Hamburg und Lübeck im Jahr 2066. Im letzten Jahr erschien der zweite Teil "Schattenspiele". CAROLA KICKERS hat die Autorin zu ihrer Serie interviewt.
Carola: Liebe Miriam, erzähl unseren Lesern doch zunächst einmal etwas über dich und wie du zu deiner Leidenschaft, dem Schreiben, gefunden hast.
Miriam: Das geschriebene Wort hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt – auch aus Integrationsgründen. Geboren wurde ich im andalusischen Cordoba, meine Kindheit habe ich auf der französischen Atlantikinsel Ile d’Oléron verbracht. Mit neun Jahren kam ich nach Deutschland, nach Mainz, um genau zu sein. Dort lebte ich fast 20 Jahre, danach zog ich nach Dülmen, dann von Dülmen nach Hamburg und von Hamburg nach München. Mit 13 Jahren war ich großer KARL-MAY-Fan und versuchte mich an Indianergeschichten, beendet habe ich sie jedoch nie. Eine Weihnachtsgeschichte war, glaube ich, das einzige, was ich jemals abgeschlossen habe. Zu der Zeit habe ich lieber gelesen, wobei „Bücher verschlungen“ wahrscheinlich der passende Ausdruck dafür wäre. Nichtsdestotrotz wollte ich damals unbedingt Journalistin werden. Mein großes Vorbild war die US-Serie „Lou Grant“. Doch wie so oft kam es anders. Nach dem Abi war ich sehr wissbegierig und entschied mich, Linguistik und Politikwissenschaften zu studieren. Nach meinem Abschluss bin ich in die Werbung gegangen. Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht widersprüchlich, aber das Studium hat mir in meiner Tätigkeit als Werbetexterin sehr geholfen, denn an der Uni habe ich mir Allgemeinwissen und eine solide sprachliche Grundlage angeeignet Noch heute bin ich freiberuflich für diverse Unternehmen und Werbeagenturen tätig. Romanautorin bin ich seit vier Jahren. 2008 brachte ich in Eigenregie Teile meines späteren ersten Buchs als interaktive eBooks heraus und habe sie auch selbst vertrieben. So hat mich mein jetziger Verlag, der Hamburger ACABUS Verlag, entdeckt und mir angeboten, meinen zweiteiligen Zukunftsthriller „Sektion 3 / Hanseapolis“ zu verlegen. 2009 kam Band eins „Schlangenfutter“ heraus, 2010 dann Band zwei „Schattenspiele“. Derzeit schreibe ich an meinem dritten „Hanseapolis“-Roman. Ich habe beschlossen, daraus eine Reihe zu machen.
Carola: Dass Frauen Science Fiction schreiben ist ja eher selten. Wer oder was hat dich gerade zu diesem Genre geführt? Was inspiriert dich überhaupt beim Schreiben?
Miriam: Im Grunde genommen interessieren mich viele Genres, doch Science Fiction im Speziellen hat meine Fantasie schon immer angeregt. Gerade, weil die Zukunft noch nicht geschrieben ist, stehen einem als Autor alle Möglichkeiten offen. Im Gegensatz zum historischen Roman, der einen naturgemäß in einen Korsett zwängt, kann man als Science-Fiction-Autor seine eigenen Welten frei kreieren. Für mich besteht der Reiz darin, die bestehende Weltordnung auf den Kopf zu stellen und herum zu spinnen. Mich haben Geschichten von FRANZ KAFKA oder PHILIP K. DICK immer mehr fasziniert als zum Beispiel das Star-Trek-Universum von GENE RODENBERRY, was ich zwar unterhaltsam finde, aber zeitweise recht eindimensional und zu sehr auf Technik fokussiert. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich stundenlang über den Warp-Antrieb auslassen können; zwischenmenschliche Konflikte, Verschwörungen, Menschen in ausweglosen Situationen, Gedankenmanipulationen – das sind Themen, die mich faszinieren. Beim Schreiben inspiriert mich vor allem das, was heute um uns herum passiert, wozu Menschen fähig sind und was sie mit unserer Welt anstellen, aber auch welche Wunder sie zu schaffen in der Lage sind. Und daraus resultierend die möglichen Konsequenzen für unsere Zukunft.
Carola: Du wohnst ja in München und deine Serie spielt am anderen Ende von Deutschland. Was verbindet dich mit Hamburg oder warum gerade diese Location?
Miriam: Ich habe einige Jahre in Hamburg gelebt und liebe es über alles. Es war Liebe auf den zweiten Blick, dafür aber richtig. Meine Romane sind eine Hommage an diese großartige Stadt, deren Schönheit oft verkannt wird, vor allem international. Das Flair, die Menschen, das Zusammenspiel von Alster und Elbe … das alles stellt für mich die perfekte Kulisse dar.
Carola: Dein düsteres Zukunftsorakel aus dem Jahre 2066 ist ja technisch sehr interessant und ausgefeilt. Wie kommt gerade eine Frau dazu, sich so detailliert mit diesen Dingen zu beschäftigen? Hat das einen wissenschaftlichen Hintergrund?
Miriam: Nein, das hat keinen wissenschaftlichen Hintergrund. Es ist nur so, dass die Zukunft, die ich darstelle, glaubwürdig sein muss, sonst kann ich gleich einen Gegenwartsroman schreiben. So sitze ich zum Beispiel beim Frühstück und überlege, wie die Menschen im Jahr 2066 diese Situation erleben werden. Wie wird ihre Morgenzeitung aussehen? Vielleicht wird der Kaffee zum Mitnehmen mit mikroskopisch kleinen Kommunikationsteilchen versehen sein, die ins Gehirn gelangen, dort am visuellen Cortex andocken und die brandheißen News projizieren? Werden Hundehalter beim Gassigang eine Atemmaske tragen müssen? Wird es überhaupt noch Hunde mit Verdauungsapparat geben? Oder werden diese einfach weggezüchtet? Ein Problem besteht darin, dass die Entwicklung heutzutage so schnell voranschreitet, moralische Bedenken so schnell über Bord geworfen werden, dass ich einige Male von meinen eigenen Gedankenspielen eingeholt wurde, ich mich also bemühen musste, noch mehr um die Ecke zu denken.
Carola: Mal eine fiktive Frage: Möchtest du selbst in deiner Megacity leben? Wie und als was?
Miriam: In der Regel empfinden Leser die Stadt Hanseapolis als sehr düster, was ich persönlich nicht tue. Wahrscheinlich, weil sie mir vertraut ist. Menschen aus dem 19. Jahrhundert hätten sich vor dem Leben, das wir heute führen, bestimmt auch gefürchtet. Ich könnte mir also schon vorstellen, in Hanseapolis zu leben, obwohl ich die Vorstellung schrecklich finde, draußen mit Atemmaske herumlaufen zu müssen und die Natur in Glaskugeln eingesperrt zu sehen. Würde ich in dieser Welt leben, wäre ich Baumpflanzerin und investigative Journalistin – nicht im Sinne von wikileaks, sondern von „Lou Grant“ natürlich!
Carola: Kommen wir wieder zurück zu dir: Wie wünscht du dir deine eigene Zukunft? Welche Pläne müssen oder sollen noch verwirklicht werden?
Miriam: Ich führe ein glückliches Leben und bin dafür sehr dankbar. Langsam komme ich in das Alter, in dem man erkennt, dass in den Jahren, die noch kommen, die Gesundheit das wichtigste Gut sein wird. Außerdem will ich auf keinen Fall in die Altersarmutsfalle tappen. Zum Glück gehöre ich gerade noch so zu der Generation, die mit privater Vorsorge dagegen steuern kann. Mein Traum ist ein verwunschenes Häuschen in Südfrankreich mit blauen Fensterläden und einem Rosengarten, am liebsten irgendwo in der Hochprovence. Ich sitze unter einer Platane, während zu meinen Füßen unsere zottelige, kleine Hündin im Traum eine Feldmaus jagt, und schreibe an meinem neuesten Roman. Inzwischen habe ich der Werbebranche den Rücken gekehrt und kann von meinen Büchern leben.
Carola: Wo kann man dich 2011 live auf einer Lesung erleben?
Miriam: Lesungstermine sind derzeit in Planung. Auf meiner Website werden sie laufend aktualisiert. So viel kann ich aber schon sagen: Am 9. April 2011 bin ich auf der DortCon in Dortmund und lese Auszüge aus meinen beiden Büchern.
Carola: Vielen Dank für das kleine Interview.





