MELECHESH: Black Metal aus der heiligsten Stadt der Welt
MELECHESH können getrost als erste Black-Metal-Band Jerusalems bezeichnet werden. Eigentlich wollte mich Mastermind, Sänger, Gitarrist und Songwriter ASHMEDI anrufen, um über das neueste Album "The Epigenesis" zu plaudern, doch der freundliche Musiker hat viel mehr Themen als nur Promo-Texte zum neuesten Silberling auf Lager und so entwickelte sich ein interessantes Gespräch.
Ashmedi: So, jetzt bin ich da. Ich habe mir nur gerade ein Getränk geholt.
Ben: Alles klar, wie geht es dir denn?
Ashmedi: Mir geht es super. Ich komme gerade aus London, wo ich gestern Promotion für unser Album gemacht habe. Dann habe ich letzte Nacht wohl etwas zu viel getrunken. (lacht) Jetzt fühle ich mich immer noch ein bisschen wie ein Zombie. Was ich jetzt, wo ich zu Hause bin dagegen unternehme ist dagegen ganz einfach: Ich gieße mir ein Glas Whisky ein. Das ist doch super, oder?
Ben: Auf jeden Fall.
Ashmedi: Der Tag heute war ein bisschen stressig, weil ich eigentlich viel früher zu Hause sein sollte. Wegen einer Verspätung bin ich aber eben erst angekommen.
Ben: Ein leckerer Single Malt Whisky wird sicher helfen, den Stress zu vergessen.
Ashmedi: Ich wünschte ich hätte Single Malt Whisky. Ich habe leider im Moment nur einen einfachen Bourbon. Aber der ist immerhin 15 Jahre alt.
Ben: Wo befindest du dich eigentlich zurzeit? Es gibt bei euch ja so viele Umzüge und Wechsel, dass es sehr schwer ist, das zu verfolgen.
Ashmedi: Ich bin direkt hinter dir. (lacht) Dreh dich um. Nein. Im Ernst, ich lebe zurzeit in Amsterdam. Aber Berlin ist eine meiner Lieblingsstädte, wenn ich ehrlich sein soll. Die besten Städte sind meiner Meinung nach Berlin, Barcelona, Paris, Istanbul, Jerusalem und Los Angeles.
Ben: Und warum?
Ashmedi: Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, dass diese Städte sehr lebhaft und pulsierend sind und dass es dort eine gute Subkultur gibt. Es gibt viel Platz für Kunst und viel Geschichte in diesen Städten. Sie sind einfach lebendig, nicht langweilig. Amsterdam ist sehr niedlich, sehr beschaulich und sehr klein. Das ist für vier, fünf Tage im Urlaub sicher toll, aber ich lebe jetzt seit zwölf Jahren hier. Da gibt es einfach nichts unter der Oberfläche.
Ben: Aber in Berlin hast du den Nachteil, dass uns immer nachgesagt wird, es gäbe hier keine Metal-Szene.
Ashmedi: Ja, das habe ich auch schon gehört. Das ist schade, aber es gibt genügend positive Seiten an der Stadt. Außerdem habt ihr doch diese Bar namens Access. Die ist doch ziemlich cool. Die Atmosphäre stimmt und der Inhaber PILLE ist doch auch ein netter Typ. Es war immer lustig, wenn wir uns unterhalten haben, weil sein Englisch nicht so gut ist. Deshalb habe ich eben Englisch gesprochen und er Deutsch, aber wir haben uns trotzdem immer gut verstanden.
Ben: Lass uns doch mal über euer Album sprechen. Das ist ja euer erstes Album bei Nuclear Blast. Was versprichst du dir von der Zusammenarbeit mit einem neuen, größeren Label?
Ashmedi: Was ich hoffe, kann man sehr einfach sagen: Ich möchte mir einen neuen Porsche kaufen, also hoffe ich, dass wir viel Geld verdienen. (lacht) Nein, das war ein Scherz. Jetzt mal ernsthaft: Zu einem größeren Label zu wechseln, stellt für mich nur eine Gelegenheit dar, mehr Leuten MELECHESH nahe zu bringen. Ich treffe immer wieder Leute, die sagen „Das ist richtig gut, warum habe ich das nicht vorher gekannt?“. Das vorherige Label war natürlich gut, aber es war nicht so groß, deshalb ist unser letztes Album einfach über das Label hinaus gewachsen. Wir haben viele Leute erreicht, aber die Größe des Labels hat die Anzahl der Leute limitiert, die wir damit erreichen konnten. Ich wollte nicht, dass das noch einmal passiert, deshalb habe ich mir ein größeres Label gesucht und bei Nuclear Blast erreiche ich auf jeden Fall mehr Leute.
Ben: Es gab hier in Deutschland in letzter Zeit gesteigertes Interesse an orientalischem Metal. Wie siehst du diese Szene? Glaubst du, dass diese gesteigerte Aufmerksamkeit euch auch hilft?
Ashmedi: Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich nicht, dass wir davon profitieren, sondern dass wir zu denjenigen gehören, die diesen Bekanntheitsschub ausgelöst haben. Ich glaube nicht, dass wir von den Magazinen gefeatured werden, weil sich die Leute für orientalischen Metal interessieren. Wir wurden mit unserem letzten Album schon von der Metalpresse gefeatured. Das war bevor sich jemand für orientalischen Metal interessiert hat. Es gibt ein paar Bands aus diesem Genre, die Vorreiter des Genres waren. Die einen waren eher in der Doom/Alternative-Ecke zu verorten und die anderen, wir, eben in der Death/Black/Thrash-Metal-Ecke. Ich fühle mich sehr geehrt, weil ich glaube, dass wir zu den Mitbegründern dieser Bewegung zählen. Natürlich gibt es jetzt, wo die gesteigerte Wahrnehmung für orientalischen Metal da ist, auch Synergieeffekte, so dass wir auch von diesem Trend profitieren können.
Ben: Das Spannende daran ist, dass zwar die meisten Metalheads Bands wie euch oder auch ORPHANED LAND kennen, aber sonst überhaupt nichts aus eurer Szene hier bekannt war.
Ashmedi: Im orientalischen Raum gab es bis vor 15 Jahren es auch keine Metalszene. MELECHESH war die erste Black-Metal-Band in Jerusalem. In Jerusalem gab es im Gegensatz zu anderen Ländern zwar einige Bands, aber wir waren die erste Black-Metal-Band dort. In den 80ern haben wir als Kinder davon geträumt, dass es eines Tages eine Metalszene im mittleren Osten geben würde. Aber zu der Zeit war das alles nur Träumerei. Als die Bands unserer Szene dann anfingen zu wachsen, wuchs die Szene im mittleren Osten mit ihnen und es gab mehr und mehr Bands. Die Bands bekommen teilweise immer noch Schwierigkeiten, wenn sie Metal machen. Viele Leute leiden, um die Musik machen zu können, aber so ist die Musik für uns wenigstens keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das wir wert zu schätzen wissen.
Ben: Du hast ja selbst auch schon Schwierigkeiten wegen eurer Musik bekommen.
Ashmedi: Ja, natürlich, meine Justizprobleme. Wir haben uns auf unbekanntem Gebiet fortbewegt und neue Grenzen abgesteckt. Wenn man ein Pionier ist, dann gibt es immer Herausforderungen. Als düstere, mystische Band aus Jerusalem, der heiligsten Stadt der Welt zu kommen, hat natürlich für ziemlich viele Konflikte gesorgt. Das war für uns immer in Ordnung. Bis uns eine Tageszeitung auf der Titelseite abgedruckt hat und behauptet hat, wir wären ein satanischer Kult. Dann hat auf einmal die Polizei nach uns gesucht. Normalerweise interessiert es sie nicht, was man in Jerusalem tut, weil die Regierung dort ziemlich liberal ist, aber als das passierte, waren wir auf einmal auf den Fahndungslisten. Alle wollten diesen ASHMEDI fangen. Die Zeitung hat aber nicht geschrieben, wer ich bin. Deshalb ist die Polizei durch die Straßen der Stadt gelaufen und hat jeden aufgegriffen, der nach Metal oder Alternative aussah oder schwarze Klamotten trug. Dann haben sie die Leute gefragt „Kennst du ASHMEDI, weißt du wer er ist, gehörst du zu seinem Kult?“. Was für ein Kult, frage ich mich da, ich bin Musiker. (lacht) Ich habe dann also für einige Zeit das Land verlassen. Wir kommen aus Ost-Jerusalem, was eine ziemlich konservative Gegend ist. Unsere Familien, die alle nicht praktizierende Christen sind, haben den Black Metal nicht verstanden. Deshalb haben sie uns auch nicht unterstützt, was es für uns nicht leichter gemacht hat.




