ENSLAVED

Foto
INTERVIEWPARTNER
GRUTLE KJELLSON
DATUM
28.07.2010
ORT
Berlin, Grand Hotel Esplanade

GRUTLE KJELLSON hat gerade mit ENSLAVED ein Album herausgebracht, das mit gutem Gewissen bereits jetzt zu den Highlights des Jahres gezählt werden darf. Er ist außerdem ein angenehmer Gesprächspartner, der neben unterhaltsamen Anekdoten und aufnahmetechnischen Details auch tiefgründige Gedanken zu den Texten von "Axioma Ethica Odini" verraten kann.

Ben: Ich erinnere mich noch daran, wie ich "Vertebrae", euer letztes Album, vor zwei Jahren im Pressezelt in Wacken das erste Mal gehört habe. Das Album hatte einen düsteren, beinahe schon traurigen Touch, der mich sehr beeindruckt hat. Auf "Axioma" habt ihr diese Traurigkeit durch kalte Härte ersetzt, die euch wieder zurück zu euren Anfangstagen als Band führt.

Grutle: Ja, man könnte sagen, dass wir die Messer geschärft haben.

Ben: War diese Veränderung im Vorfeld geplant?

Grutle: Nein, wir planen unsere Veröffentlichungen nie. Wir fangen einfach an, an neuem Material zu arbeiten und schauen dabei nicht zurück. Aber während der Arbeit an den neuen Songs war es unser Ziel, dass die Songs möglichst organisch klingen. Wir wollten auf "Vertebrae" so wenig Verzerrung wie möglich verwenden und trotzdem unsere Härte behalten. Vielleicht war dieser Schritt falsch und hat einige Leute überfordert, aber darum haben wir uns noch nie gekümmert. Bei den Aufnahmen zu "Axioma" haben wir aber viel mehr Zeit mit dem Erstellen der Sounds verbracht. Auf "Vertebrae" waren der Gitarren- und der Bass-Sound ein reines Zufallsprodukt. Bei "Axioma" haben wir viele Stunden damit verbracht, mit kleinen Veränderungen zu experimentieren. Wir haben Mikrofone hin- und her bewegt und sehr lange an den einzelnen Stellschrauben gedreht. Unser Ziel war es, den Sound so aggressiv wie möglich zu gestalten und trotzdem ein offenes, klares Gesamtbild zu erhalten. Es ist wirklich schwer, die Balance zwischen Härte und einem differenzierten Gesamtsound zu finden. Das liegt daran, dass Töne ja eigentlich nichts anderes sind, als Luft, die sich hin und her bewegt. Und wenn die Frequenzen sich ungeschickt überlagern, dann kann es passieren, dass man jeglichen Druck verliert. Deshalb muss man die Frequenzbereiche der einzelnen Instrumente sauber trennen. Und diese Balance zu finden, ist schwierig und hat sehr lange gedauert. Aber es hat sich gelohnt.

Ben: Nachdem ihr so viel Zeit und Energie auf das Erstellen der Sounds verwendet habt, war es da schwierig, jemanden zu finden, der diese ganze Mühe nicht am Ende beim Mix und beim Mastering zunichte macht? Gerade beim Mastering kann man ja viel falsch machen.

Grutle: Ja, heute versuchen alle immer nur die Lautstärke zu maximieren, auch wenn das die Musik abtötet. Der Unterschied zwischen dem letzten Mix von "Axioma" und der gemasterten Version ist aber verschwindend gering. Die Becken am Schlagzeug wurden beim Mastering etwas angehoben, aber sonst hat sich nicht viel getan. Das liegt auch daran, dass wir während des gesamten Mixings das Mastering im Hinterkopf hatten. Deshalb haben wir zum Beispiel einige Frequenzen für die Becken etwas leiser abgemischt im Wissen, dass diese Frequenzen beim Mastering stärker betont werden. Das ist eine Wissenschaft für sich und ich habe so etwas nie gelernt. Das ist gut, sonst wäre ich sicher ein Nerd geworden... (lacht)

Ben: Das meiste Material habt ihr dieses Mal ja in eurem eigenen Studio aufgenommen. Habt ihr das schon bei den letzten Alben getan?

Grutle: Bei den letzten drei Alben haben wir den Gesang selber aufgenommen. Das haben wir gemacht, damit wir uns möglichst entspannt bei den Aufnahmen fühlen konnten. Wenn man einmal gute Mikrofone gekauft hat, dann macht es qualitativ keinen großen Unterschied mehr, wo man aufnimmt. Da geht es eher darum, sich wohl zu fühlen. Dieses Mal haben wir mehr Geld in unser eigenes Studio investiert. Wir haben uns gefragt, warum wir nach LA, Berlin oder London reisen sollten, nur um ein Album aufzunehmen, schließlich sind wir selber durchaus in der Lage, Aufnahmen zu machen. Deshalb haben wir einfach einmal ausprobiert, ob wir es auch wirklich schaffen, mit der Qualität mitzuhalten, die die großen Studios vorgeben.

Ben: Hattet ihr denn bei dieser Arbeitsweise keine Angst, dass ihr euch bei dieser Arbeitsweise in Details verliert?

Grutle: Die Gefahr besteht natürlich, aber das war kein großes Problem. Wir hatten die einzelnen Bestandteile der Songs fertig und haben sie dann gemeinsam arrangiert. Wir sind musikalisch sehr aufgeschlossen gegenüber den Vorschlägen der anderen Bandmitglieder. Wir vertrauen uns und das macht die Sache ziemlich einfach und verringert auch die Gefahr, dass man sich bei der Produktion in den Details verliert. Ich glaube ich habe IVAR in meinem Leben nur einmal enttäuscht, als ich ihm 1991 gesagt habe, dass ich einen Part nicht spielen möchte. Ich denke mir immer, dass IVAR eine Vision hat, wenn er an einen Song herangeht. Ich versuche diese Vision nicht zu zerstören, sondern sie zu verstehen und zu verbessern. Und meistens finden wir dann Kompromisse, die funktionieren. Wir arbeiten als Band und nicht als getrennte Individuen.

Ben: Glaubst du dass das der Grund ist, warum eure Musik trotz der vielen Veränderungen, die ihr im Laufe der Jahre durchgemacht habt, immer ehrlich und immer nach ENSLAVED klang?

Grutle: Ja. Ich glaube, wir haben zwar viele Veränderungen durchgemacht, aber wir haben sie immer als Teile von ENSLAVED gesehen. Als wir Folk-Elemente in unsere Musik eingebaut haben, war das ein Teil von uns. Außerdem haben wir auch viele Projekte und erscheinen oft als Gastmusiker auf den Alben anderer Bands. Das gibt uns die Freiheit andere Dinge auszuprobieren. Aber wenn wir etwas davon zu ENSLAVED bringen, dann werden sie Teil von ENSLAVED und nicht anders herum.

Ben: Hattest du denn jemals Angst, dass ihr den hohen Standards, die ihr mit jedem Album setzt, selbst irgendwann nicht mehr standhalten könnt?

Grutle: Nein. Der einzige Druck, den wir verspüren ist der Druck, den wir uns selbst auferlegen. Ich kann dir jetzt schon sagen, dass unser nächstes Album anders wird, aber ich kann noch nicht sagen wie es wird. Vielleicht hat IVAR ja einmal eine Idee für einen Rock’n’roll-Song. Diese Idee liegt dann viele Jahre unfertig herum bis ihm eines Tages die zündende Idee kommt, die dem Song bis dahin gefehlt hat. Und wenn IVAR dann mit einem Rock’n’roll-Song ankommt, dann werden wir einen Rock’n’roll-Song spielen. ENSLAVED sind nicht konstruiert, wir müssen uns nicht verkünsteln, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Da sind wir anders als DARKTHRONE zum Beispiel. Wir machen einfach, was wir wollen. Wenn wir eine Geige verwenden wollen, dann machen wir das. Wir lieben die Musik, nicht ein Genre. Deshalb hören wir auch ein sehr breites Spektrum an Musik. Wir werden aber immer Metal machen.

TEILEN

AUTOR

Ben
Ben:
"Von ENSLAVED über LEONARDO DA VINCI und TOM WARRIOR zurück zu ENSLAVED"