EDEN WEINT IM GRAB

Foto
Foto: Markus Mirschel
INTERVIEWPARTNER
ALEXANDER PAUL BLAKE
DATUM
19.04.2011
ORT
Berlin

Am 6. Mai 2011 erscheint das neue Album von EDEN WEINT IM GRAB. „Geysterstunde I“ heißt die Scheibe, die im Gegensatz zum poetischen Vorgänger wieder sehr musikalisch daher kommt. Wir sprachen mit Bandchef ALEXANDER PAUL BLAKE.

Freya: Du hast EDEN WEINT IM GRAB mal als Spielwiese deiner dunklen Seite beschrieben. Dieses Mal tobt sich deine dunkle Seite vor allen Dingen auf Jahrmärkten, auf Freakshows und an anderen düsteren Orten aus. Woher hast du die Inspiration für das Konzeptalbum genommen? Hast du recherchiert oder einfach deiner Fantasie freien Lauf gelassen?

Alexander Paul Blake: EDEN WEINT IM GRAB ist in der Tat eine dunkle Spielwiese, auf der sich ALEXANDER PAUL BLAKE austobt, der nicht mit mir als Privatmensch zu verwechseln ist. Daher möchte ich Persönliches bei dieser Band auch raushalten. ALEXANDER PAUL BLAKE ist gewissermaßen ein finsteres alter ego, das nur in der Kunst zum Ausdruck kommt, aber abseits davon nicht lebensfähig wäre. Diesmal hat der Herr BLAKE seine Vorliebe für alte Jahrmärkte, Geisterarmeen, Gespensterrevuen und verfallene Spukhäuser entdeckt. „Geysterstunde I“ ist der erste von voraussichtlich zwei Teilen eines Konzepts, das sich rund um Horror, Geister und Paranormales dreht. Daher sollte man das Album auch am besten zu mitternächtlicher Stunde bei voller Lautstärke in einem geheimnisvollen Ambiente hören, um die Protagonisten mit der eigenen Fantasie zum Leben zu erwecken.
Die Quellen der Inspirationen sind immer mannigfaltig und später oft kaum mehr nachzuvollziehen, da die Stücke sich oftmals immer wieder von der ursprünglichen Inspiration wegentwickelt, um ein eigenes Dasein zu fristen. Oft passiert es, dass einem etwas begegnet oder man Erinnerungen auf dem Dachboden der eigenen Fantasie wieder ausgräbt und sie dann weiterspinnt. Quellen können Literatur, Filme, Uni-Seminare, Gedichte, Sagen, Mythen oder Geschichten sein, die man irgendwo aufgeschnappt hat. Aber es entsteht immer etwas Neues daraus.
Wir haben versucht, in jedem Song eine eigene Welt zu kreieren. Musik und Texte sollten eine Einheit bilden und so die Fantasie doppelt animieren. Der leiernde Charakter von „Moritat des Leierkastenmanns“, die kämpferische Ausrichtung von „Armee Der Wiedergänger“, die Tango-Elemente in „Tango Mortis“ oder die Sonargeräusche im beklemmenden „Nautilus“ beispielsweise sind allesamt keine Zufälle. Auf dem Album erzählt jeder Track eine eigene Geschichte und ist daher mit einer Kurzgeschichte oder einem Kurzfilm zu vergleichen, nur dass wir andere Mittel verwenden, um die Handlung zu erzählen.

Freya: Das letzte EWIG-Album „Der Herbst Des Einsamen“ bestand ausschließlich aus gesprochenen Texten. Auch auf diesem Album greifst du das Konzept in einigen wenigen Songs auf. Liest du dieses Mal deine eigenen Texte oder sind das Texte anderer Dichter?

Alexander Paul Blake: Diesmal haben sich andere Dichter allenfalls aus dem Jenseits geäußert, indem sie uns als Medien gebrauchten, um ihre Botschaften so ganz klammheimlich in ein EWIGes Gewand zu hüllen. Falls es so gewesen sein sollte, haben wir es jedoch nicht bemerkt und werden uns die Credits daher ganz frech selbst zuschreiben. Wobei, es gibt eine Ausnahme: Das alte Kinderlied „Es Klappert Die Mühle Am Rauschenden Bach“, das die Grundlage von „Die Knochenmühle“ bildet, wurde natürlich in vollem Bewusstsein umgedichtet. In unserer Version mahlt der Müller die Knochen der Toten anstelle des Korns in seiner finsteren, alten Mühle – wie dumm, dass die Menschen nicht merken, dass sie sich selbst auffressen, während einer nach dem anderen geholt wird. Etwaige Querverweise auf die moderne Nahrungsmittelindustrie und das Essverhalten des Menschen mag sich nun jeder selbst zusammenreimen. (grinst) Und in „Feuer-Inferno“ stand, wie es er der Untertitel „Vision Swedenborgs 1759“ schon verrät, natürlich der große schwedische Mystiker EMANUEL SWEDENBORG Pate, der einen Brand in Stockholm aus 400 Kilometer Entfernung 'sah' und damit seine hellseherischen Kräfte unter Beweis stellte.

Freya: „Der Herbst Des Einsamen“ ist gerade mal eineinhalb Jahre alt. Da du ja noch einige andere Projekte betreibst, ist es doch erstaunlich, dass der Nachfolger „Geysterstunde I“ in solch kurzem Abstand erscheint. Hast du mit der Produktion schon parallel zum vorherigen Album begonnen oder ist das Konzept erst danach entstanden?

Alexander Paul Blake: Die „anderen Projekte“ sind ja mittlerweile auf TRANSIT POETRY beschränkt. Zwischen der Fertigstellung von „Der Herbst Des Einsamen“ und „Geysterstunde I“ liegen etwa zwei Jahre. Erstgenanntes Album wurde nur seinerzeit erst mit etwas Abstand veröffentlicht. Dazwischen wurde „Pedestrians In The Sky“ von TRANSIT POETRY fertig gestellt. Das entspricht etwa einem Album pro Jahr und da wir keine Welttourneen oder wilde Promo-Marathons zu absolvieren haben, ist das ein entspannter Rhythmus. Wir arbeiten eigentlich nie an mehreren Alben gleichzeitig, sondern immer projektbezogenen, wenngleich durch die zeitlich nahe aufeinander folgenden Veröffentlichungen, die nur geschäftlich bedingt sind, ein anderer Eindruck entstehen mag. Doch in der Tat entstand „Geysterstunde I“ sehr spontan und das Songwriting dauerte nur etwa zwei Monate. Alle Songs flossen wie von selbst aus dem Äther zu uns und es gab glücklicherweise keinerlei Schreibblockaden. Lediglich die Fertigstellung zog sich aufgrund weltlicher Verpflichtungen aller Beteiligten etwas in die Länge.

Freya: Dein letztes Album war sicherlich sowohl für dich als auch für den Hörer ziemlich anstrengend. Beim aktuellen Album geht es doch wieder etwas beschwingter zu. Brauchtest du auch persönlich diese Entspannung?

Alexander Paul Blake: Entspannung oder Beschwingtheit sind keine Begriffe, die ich im Zusammenhang mit „Geysterstunde I“ wählen würde. (lacht) Das Album zieht den Hörer nur auf andere Weise in den Abgrund. Es sei denn, es gibt da draußen Hörer, die dabei entspannen können, wenn Geisterarmeen ihre Schlachten zelebrieren, in einer dem Théâtre du Grand Guignol nachempfundenen Gespenster-Revue die Toten im Walzertakt tanzen, ein armer Irrer sich in einem albtraumhaften Geisterwald verirrt, ein hungriger Galgenvogel poetisch eine Hinrichtung am Strang beschreibt oder wir den Hörer an die Hand nehmen, um ihm auf einem nächtlichen Friedhof hören zu lassen, wie die Toten an den Särgen kratzen. Aber zugegeben, wir haben ein paar skurrile musikalische Momente als Gegenpol zu Finsternis und Bedrückung eingebaut, die man wegen mir auch „beschwingt“ nennen darf. Immer nur Düsternis wirkt irgendwann nicht mehr, da sich das Auge (oder Ohr?) an die Dunkelheit gewöhnt. (grinst)
„Der Herbst Des Einsamen“ war ein Experiment außerhalb der Reihe – ein Versuch eine andere Ebene dunkler Kunst zu erreichen. Ich persönlich finde die TRAKL-Adaptionen übrigens gar nicht anstrengend. Es ist eher wie ein musikalisches Hörspiel. Man muss sich nur etwas Zeit und Ruhe dafür nehmen, denn es ist natürlich nichts für die Hintergrundberieselung. Doch es mag in der Tat schwere Kost für all jene sein, die nach zwei Düster-Metal-Alben wieder etwas ähnliches erwartet hatten. Nun, mit „Geysterstunde I“ bekommen sie jetzt die logische Fortsetzung der ersten beiden Alben, aber mit allerlei neuen Einflüssen. Beispielsweise hat uns die Muse diesmal verstärkt dazu inspiriert, Elemente aus Doom, Jahrsmarktsmusik, Filmmusik, Hörspielen oder 6/8-Takten in den EWIGen-Düster-Sound einzuarbeiten. Und zum ersten Mal in der Bandhistorie gibt es einen Gastsänger, denn wir konnten JAN LUBITZKI (Ex DEPRESSIVE AGE) dafür gewinnen, uns in „Tango Mortis“ seine charismatische Stimme zu leihen. Das Stück vereint, dem Titel entsprechend, übrigens Tango mit melodischem Death Metal.
Um auf die Frage zurück zu kommen, es ist für einen Künstler natürlich attraktiver, sich immer wieder neu zu erfinden und andere Elemente in den eigenen Stil einzuarbeiten, als eine bewährte Erfolgsformel immer zu wiederholen. Jede Neuentdeckung ist spannender als etwas, das man in- und auswendig kennt, oder? Ich denke, das hat auch mit musikalischer Offenheit zu tun. Wer lediglich die Musik kopiert, die seine Lieblingsbands spielen, wird es in den seltensten Fällen zu einer großen Eigenständigkeit bringen. Wir haben noch nie einer anderen Band nachgeeifert, sondern sind unserem eigenen Weg gefolgt und wenn dieser Weg mit einer interessanten Abzweigung lockt, wie zu „Der Herbst Des Einsamen“, so geben wir der Versuchung eben nach und kehren nach einer Weile mit neuen Erfahrungen auf unseren eigentlichen Weg zurück. Wenn man hingegen nur die vielbefahrenen Hauptstraßen mit hoher Geschwindigkeit entlang saust, wird man die kleinen Seitengassen und all die Schönheiten am Wegesrand wohl oder übel übersehen.

Freya: Bisher hast du die EWIG-Alben alle alleine im Studio eingespielt. War das bei „Geysterunde I“ auch so oder hast du Unterstützung gehabt?

Alexander Paul Blake: Nein, es ist nicht mehr so, dass ich alles alleine mache. An „Geysterstunde I“ hat die gesamte Band mitgewirkt, jeder auf seine Weise, der eine mehr, der andere weniger, ob musikalisch oder in anderen Dingen. Eine Band ist ja viel mehr als nur das Produzieren von Musik. Die Strukturen haben sich geändert. Die Zeit war reif dafür. Diese Evolution nahm schon während „Der Herbst Des Einsamen“ im Hintergrund ihren Lauf, wird aber erst jetzt für die Öffentlichkeit sichtbar. Dass ich die ersten Alben alleine kreiert hatte, lag daran, dass seinerzeit zum einen keine Band greifbar war, mit der es menschlich wie musikalisch gepasst hätte, und ich zum anderen erstmal meinen Stil finden musste. Das geht einfacher alleine, als wenn fünf verschiedene Musiker mit doppelt so vielen Meinungen zusammenarbeiten und am Ende ein kunterbuntes Allerlei, das gleichsam alles und nichts ist, entsteht. Mittlerweile wage ich zu behaupten, dass EDEN WEINT IM GRAB ein sehr starkes Profil hat, sodass es auch möglich ist, dass sich andere kreative Köpfe einbringen.
Die Zeiten, in denen mir die Musik alleine gehört hat, sind vorbei – ganz davon abgesehen, dass ich in solchen Begriffen sowieso nicht denke. EDEN WEINT IM GRAB ist eine Band, wenn auch nicht in jeder Hinsicht eine demokratische. Und spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gehört dem Künstler sein Werk nicht mehr alleine. Er teilt es ja bewusst mit der Öffentlichkeit. Die Studioarbeit ist eine Sache – das wochenlange Feilen an Details übt seit jeher einen großen Reiz auf mich aus und die Neukreation von Werken ist eines der wundervollsten Dinge, die es gibt.

Freya: Ich habe das Booklet leider noch nicht sehen können. Machst du das auch selbst oder holst du dir für solche außermusikalischen Dinge Unterstützung?

Alexander Paul Blake: Generell ist es so, dass ich gerne auch weiterhin die künstlerische Oberaufsicht über alles, was bei EDEN WEINT IM GRAB passiert, habe. Das ist die einzige Regel. Manchmal gebe ich grafische Sachen aus der Hand, wie beim letzten Album. Dieses Mal habe ich das Artwork zu großen Teilen wieder selbst kreiert – mit Ausnahme der skurrilen Skelettzeichnungen, die eine gute Freundin, ELENA ROCKINGER, angefertigt hat. Diese makaberen Zeitgenossen sind gewissermaßen die Maskottchen für dieses Album und werden sich folgerichtig auch im Booklet, auf T-Shirts, der Homepage und in unserem Bühnenbild wiederfinden. Ihre Aufgabe ist es, den „Geysterstunde“-Reigen mit einem Augenzwinkern zu versehen, denn wenngleich es auf dem Album bisweilen toternst zugeht, ist es doch unser schwarzhumoristischstes Werk bis dato, nachdem der Humor auf früheren Werken doch sehr viel subtiler versteckt war. Das Artwork vereint die humoristische, skurrile und die ernste Seite auf sehr gelungene Weise, wie ich finde.

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AUTOR

Freya
Freya:
"Düster und doch nie ohne Humor - das sind EDEN WEINT IM GRAB"