ADVERSUS

Foto
INTERVIEWPARTNER
ROSENDORN, SEBASTIAN, AYSEL, THOMAS, JOHANNA, CARSTEN
DATUM
10.01.2011
ORT

Wir interviewten ADVERSUS zum aktuellen Release "Der Zeit Abhanden". Erfahrt in diesem ausführlichen Interview alles, was man zum neuen Schaffenswerk wissen muss.

Eva: ROSENDORN, worin siehst du die entscheidenden Veränderungen, Verbesserungen und Neuerungen dieses Albums im Vergleich zu seinen Vorgängern?

Rosendorn: Den meisten Leuten fällt auf, dass unser neues Album deutlich härter und metallischer als seine Vorgänger ausgefallen ist. Dies liegt auch daran, dass THOMAS nun nicht mehr nur als Live-Drummer fungiert, sondern auch an der CD mitgearbeitet hat. Wenn man solch einen Knüppeltroll im Keller gefangen hält, dann muss man ihn mit harten Gitarren füttern, sonst wird er böse. Darüber hinaus habe ich zusammen mit TOMMY STEUER von SONORIUM viel Zeit in den Klang der Scheibe gesteckt. Alles ist nun viel klarer und transparenter als früher. Auch wenn unsere Hörer die Klangdichte und Komplexität von ADVERSUS schätzen, hatte manch einer mit dem Overkill des letzten großen Werks seine Einstiegsprobleme. Ich habe daher versucht, mich im Hinblick auf parallele Spuren ein bisschen zu beschneiden um die Stücke etwas weniger erschlagend klingen zu lassen. Natürlich sind sie das immer noch auf ihre Weise, aber die „neue ADVERSUS“ ist deutlich zugänglicher als „Einer Nacht Gewesenes“. Gleichzeitig ist sie inhaltlich bitterer und härter. Paradox, oder?

Eva: Angenommen wir wären alle an einem besseren Ort wie zum Beispiel und Geld und Zeit würden keine Rolle spielen, was würdest du an der aktuellen Produktion noch verändern wollen? Oder anders ausgedrückt, wie zufrieden bist du mit deinem neusten Werk?

Rosendorn: Utopias sind langweilig, denn erst die Herausforderung, bestehend aus vielen kleinen Hindernissen, spornt Künstler zu ihren Leistungen an. Eine der Geschichten im der CD beigelegten Buch heißt „Entropia“, was ein zusammengesetztes Kunstwort aus „Entropie“ und „Utopia“ ist. Entropie als physikalischer Begriff beschreibt die Neigung geschlossener Systeme, einen energetisch möglichst neutralen, ausgeglichenen Zustand herzustellen und letzten Endes den nicht umkehrbaren Wärmetod des Universums. Populärwissenschaftlich-philosophisch ist die Entropie die Neigung der Finge, ins Chaos abzugleiten, egal wie sehr man sich um einen geordneten Idealzustand bemüht. Murphys Law, wenn du so willst. Dieses Spannungsfeld aus Träumen und harten Realitäten ist für den Künstler unglaublich wichtig. Ohne Spannung und Reibung an der Wirklichkeit keine Kunst. ADVERSUS ist eine No-Budget-Band, finanziert durch unsere echten Jobs, ein paar verkaufte T-Shirts und einen gutmütigen Plattenlabel-Chef. Ich versuche, mit quasi nicht vorhandenen finanziellen Mitteln anspruchsvolle Alben, interessante Bücher und schöne Videos zu produzieren und ohne unsere Partner – diesmal sind es Sonorium zusammen mit Periplaneta – würde das nicht funktionieren. Auch die Wahl unserer Ausdrucksform macht es nicht einfacher: 99 Prozent der Leute, die eine CD von ADVERSUS in die Finger bekommen, fragen sich: „Was soll DAS denn sein? Meint der das ernst?“. Die intellektuell eher minder bescherten sitzen ratlos vor meinem Schreibwerk, den ganz Harten sind ist die Musik zu softie-kitschig, den Weichgespülten wiederum zu hart, den Puristen viel zu überladen usw. ADVERSUS bedeutet wohl auch, unverstanden zu sein und keinem Genre richtig anzugehören, was uns natürlich nicht geradewegs in die Charts führt. Aber genau dieser Kampf gegen Widrigkeiten ist es, den Kunst braucht. Wenn einem alles in den Schoß fällt, gibt man sich keine Mühe mehr.

Eva: Warum greifst du mit dem vierten Track ausgerechnet auf die das Album „Einer Nacht Gewesenes“ immer wieder durchziehende Kennungsmelodie und Thematik zurück?

Rosendorn: Als ich mit „Einer Nacht Gewesenes2 fertig war, war ich wirklich „fertig“ in dreifachem Sinne. Doch zu Beginn der Arbeiten an der neuen CD spürte ich, dass ich zumindest mit dem Thema der Platte noch nicht ganz durch war, dass es da noch Dinge zu sagen gab; musikalisch wie textlich. Es war schön, die Geschichte dieses Albums noch einmal richtig aufzuschreiben, ein bisschen darüber zu phantasieren und dann eine Art Medley auf die alten musikalischen Themen zu komponieren. Nun soll es damit aber gut sein.

Eva: AYSEL, deine klassische Gesangsstimme glänzt nicht nur als weibliche Hauptsängerin von ADVERSUS. Wo und wie lernt man so zu singen?

Aysel: Durch jahrelanges hartes Arbeiten an der Stimme. Ich nehme privaten Gesangsunterricht. Eine gute Gesangslehrerin ist da Gold wert. Die muss man aber erst mal finden. Das war gar nicht so einfach. Meine klassische Gesangsausbildung ist heute immer noch nicht abgeschlossen. Ich lerne immer wieder Neues, obwohl die Gesangstechnik nicht wirklich neu ist, aber es erscheint irgendwann im neuen Licht, weil man plötzlich versteht, wie es richtig ist und wie es gut klingt. Ich glaube man lernt nie aus. Aber das macht es so reizvoll und es macht Spaß zu hören, wie die Stimme immer besser wird.

Eva: Gerüchten zufolge hast du es gar nicht so sehr mit der Metal- und Darkszene. Ist es für dich nicht manchmal ein wenig befremdlich Texte der etwas anderen Art zu singen, und mit dieser bei Zeiten auch etwas abseitigen Fankultur in Kontakt zu kommen?

Aysel: Ja, das stimmt, ich stamme nicht aus der Szene. Ich finde unsere Texte aber sehr schön, gar nicht so anders. Ich habe keine Berührungsängste mit Menschen, die aus der Gesellschaft hervorstechen, weil sie anders aussehen. Auch ich grenze mich sehr gerne ab, indem ich mich bewusst auffallend kleide. Ihr seht, ich bin gar nicht so anders als ihr. Nur schwarz ist nicht meine Lieblingsfarbe. Ich liebe es bunt. Als wir mal ein Konzert auf einer Metal-Veranstaltung gegeben haben, fand ich die Kleidung der Künstler sehr krass. Aber das stört mich nicht, im Gegenteil. Mich inspiriert das. Ich mag den Mainstream nicht, vor allem nicht musikalisch. Das Leben wäre langweilig bei Einseitigkeit. Ich freue mich über vielfältige Kontakte.

Eva: JOHANNA, obwohl man dich wohl ohne Übertreibungen als vielversprechendes gesangliches Nachwuchstalent bezeichnen darf, singst du bisher noch nicht solitär. Wie geht man damit um, „nur“ die zweite Stimme zu sein?

Johanna: Was heißt „nur“? Ich kann an einem spannenden Projekt wie ADVERSUS mitarbeiten und sammle dabei viele neue Erfahrungen, denn sowohl die Arbeit mit einer Band als auch ROSENDORNs Arbeitsstil sind teilweise echte Herausforderungen. (lacht) Außerdem macht das Ganze auch noch wirklich Spaß – langweiliges Hintergrundsingen ist etwas anderes. Abgesehen davon singe ich seit ich ein Kind war in verschiedenen Chören, mir bereitet gerade das Zusammenspiel mehrerer Stimmen große Freude. Mit AYSELs Stimme und den übrigen Instrumenten den in meinen Ohren einzigartigen Gesamtklang von ADVERSUS mit zu formen ist mir wichtiger, als mich auf Gedeih und Verderben zu profilieren. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja in Zukunft das eine oder andere Stück, bei dem ich größere Gesangsanteile habe. Ich bin selbst gespannt, wo die Reise hingeht.

Eva: THOMAS, deine anderen Bandprojekte lassen nicht unbedingt auf einen Metal-Drummer schließen, du scheinst ursprünglich eher aus der Progressive-Rock-Ecke zu kommen. Dennoch ist das Drumming, das wir nun auf „Der Zeit Abhanden“ zu hören bekommen, äußerst vertrackt und druckvoll. Steckt in dir nicht vielleicht doch ein heimlicher Dark-Metaller?

Thomas: Wer weiß? Ich mag vertrackte Rhythmen und Power dürfen sie auch haben. Diese Kriterien gelten für sehr viele Musikrichtungen. Schubladen mag ich nicht so sehr, es muss mir gefallen, dann kann ich auch was Schönes dazu trommeln.

Eva: Rosendorn hat mir erzählt, dass du dich insbesondere für behinderte Menschen stark machst. Interessant, wie darf man sich das vorstellen?

Thomas: Ich spiele in einer integrativen Rockband namens SATISFACTORY, die die jeweiligen Stärken der Mitglieder fördert und entwickelt. Ich habe auch beruflich mit behinderten Menschen gearbeitet. Für mich ist der Kontakt mit ihnen nichts ungewöhnliches, jeder Mensch hat seinen Kommunikations-Code, den man lernen muss, wenn man sich austauschen will. Das ist bei geistig Behinderten auch nicht anders, manchmal nur kniffliger.

Eva: Auf Anhieb und offensichtlich ins Ohr springen dürfte wohl die neue Härte vieler Lieder; die elektronischen Tendenzen weichen an vielen Stellen Metal-Anleihen oder werden zumindest entsprechend ergänzt – gerade in Abgrenzung zur insgesamt relativ gemäßigten „Laya“. Der Hörer fragt sich natürlich, ob diese neue epische Breite und nochmals gesteigerte Bombastik, nur eine aktuelle Rückbesinnung auf eigene schwermetallische Wurzeln des Herrn ROSENDORN darstellt, oder ob sich die Fangemeinde nun auch dauerhaft auf ein Brachiales einstellen sollte?“

Rosendorn: Ich habe eine recht harte Zeit hinter mir aus Gründen, die erst Mal wenig mit der CD zu tun haben. Die vergangenen zwei Jahre waren die wohl dunkelsten meines Lebens und ich habe – aus vielerlei Gründen – eine unglaubliche Wut entwickelt. Diese Wut ist noch nicht verraucht, sondern sorgsam im Keller verstaut, wo sie keinem Schaden kann, außer vielleicht mir selbst. Dennoch kann sie da nicht ewig bleiben und vor sich hin schwelen, sonst fliegt mir das Haus um die Ohren. Das Konzept zum nächsten Album steht bereits und es verlangt nach Kälte und nach Härte. Einen Rückschritt zu rein elektronischen Neoklassik-Säuseleien kann ich mir also zurzeit nicht wirklich vorstellen, auch wenn der dunkelromantische Teil immer zu ADVERSUS gehören wird.

Eva: Auch das Personalkarussell hat sich bei euch wieder mal ein Stückchen weiter gedreht; LESTARIA hat die Band verlassen, während es mit JOHANNA neue gesangliche Unterstützung gibt. Außerdem ergänzten vielversprechende Gastmusiker bereits die neue Platte und das Video zu ein „Ein Ding Im Spiegel“. Mittlerweile könnte man sich daher durchaus fragen, ob die Idee ADVERSUS nicht von vornherein so konzipiert war und sich die stetig mehr oder minder wechselnde Besetzung um einen harten Kern nicht als eines der durchaus positiven, bereichernden Kennzeichen der Band erweisen könnte.

Rosendorn: In der Musikszene scheint es da zwei Schablonen zu geben: Die einen stilisieren sich als zusammengeschweißte Jungs-Band nach dem Motto „Fünf Freunde sollt ihr sein“, die anderen gruppieren sich devot um irgendeinen egomanischen Star. ADVERSUS liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Natürlich begann es als mein Soloprojekt mit Sängerin und natürlich konzentriert sich ein Großteil der kreativen Arbeit um mich herum. ADVERSUS ist eher eine Art Musikerkollektiv unter meiner Leitung als eine klassische Band. Nichtsdestotrotz sind die anderen Bandmitglieder unverzichtbar. Sie leisten großartige Arbeit und ohne sie wäre die Musik um einiges ärmer. Mit dem Stück „Entropia“ wollte ich meinen Mitmusikern eine Referenz erweisen. Es handelt sich um ein Instrumental, und jeder darf mal zeigen, welche Virtuosität in ihm steckt, ohne dass sich eine Gesangsstimme in den Vordergrund drängelt.

Eva: Sebastian, als Gitarrist warst du bereits auf der eher ruhigen und folkig angehauchten „Laya“-EP zu hören. Was macht dir mehr Freude: Akustisch-klassische Gitarre oder das harte Metal-Brett?

Sebastian: (grinst) Es ist das Gitarrespielen an sich, das ich so unheimlich mag, egal ob elektrisch verstärkt oder akustisch. Die akustischen Gitarrenstimmen auf „Laya“ sind wundervoll fragil, verspielt und märchenhaft, eben das, was eine akustische Gitarre herausragend transportieren kann. Es geht beim Einsatz der akustischen Gitarren ja auch meist um Herzensangelegenheiten: Liebe oder auf dem neuen Album Minne lassen sich so eben viel besser ausdrücken, als durch hartes Metal-Riffing. Wobei dieses keinesfalls abgewertet werden soll, denn es macht einfach einen unheimlichen Spaß laute, schnelle und brutale Läufe zu Double-Base Gewitter aus dem Instrument zu holen. Wenn die akustische Gitarre romantische Gefühle symbolisiert, dann steht die E-Gitarre ganz klar für eine Art von infantilem Spaß an Lärm, der Schönheit des Chaos und dem Wunsch nach Selbstinszenierung, dazu sind zum Beispiel Soli ja gedacht. Es ist immer dem Gitarristen selbst überlassen, ob er sich zu einer der beiden Seiten eher hingezogen fühlt oder etwas ganz anderes in seinem Instrument sieht, das ihn bestätigt sich auf eben dieses zu beschränken, für mich persönlich ergänzen sich akustische und elektrische Gitarre viel zu gut, als das ich eine Präferenz entwickeln könnte.

Eva: ROSENDORN, warum hast du ausgerechnet durchgängig die Form „märchenhafter“ Kurzgeschichten gewählt? Inwieweit kommt diese literarische Ausdrucksform deinen Intentionen entgegen?

Rosendorn: Das phantastische Genre gibt mir große Freiheiten in der Konstruktion einer Geschichte. Man ist nicht gezwungen, die psychologischen Prozesse innerhalb einer Figur nur anhand ihrer Taten oder gar durch wörtliche Rede zu modellieren. In der Phantastik, im Zwischenreich von Traum und Realität, kann alles, was geschieht, eine Metapher sein.

Eva: Gibt es irgendwelche literarischen Vorbilder oder Inspirationsquellen, die dich auf eben diese Idee der Umsetzung gebracht haben?

Rosendorn: Ich könnte jetzt ein bisschen Bildungsprotzertum veranstalten und mit allerhand Beispielen von EICHENDORFF bis MURAKAMI um mich werfen, aber das lassen wir mal lieber. Ans Herz legen möchte ich gerade den jüngeren Lesern jedoch unbedingt CHINA MIEVILLE, der mit seiner „Wierd Fantasy“ einem ausgelutschten Genre zu neuen literarischen Höhen verhilft. Gerade seine Kurzgeschichten sind unheimlich packend und trotz des Fantasy-Einschlags von überraschender Tiefe.

Eva: Ein Gesamtwerk aus einer vollständigen LP und einem dazugehörigen Buch zu erschaffen, hört sich nicht nur nach einer künstlerischen Herausforderung, sondern auch einem recht abenteuerlichen Unterfangen bezüglich des Entstehungsprozesses an. Wie kam es zu dieser Idee und welche Klippen galt es da zu umschiffen, bis du schließlich das fertige Endprodukt in den Händen halten konntest? Lass uns an deinem „Schaffens- und Leidensweg“ Anteil nehmen.

Rosendorn: Oh je, das klingt so pathetisch. Aber die Frage ist insofern spannend, weil die Entstehungsgeschichte keineswegs abenteuerlich war, sondern das Projekt von Anfang an am Reißbrett in der sich nun präsentierenden Form durchgeplant wurde. Ich hatte bereits vor einigen Jahren Kurzgeschichten geschrieben, diese jedoch nur online veröffentlicht. Einmal konsequent alle diesbezüglichen Ideen umzusetzen, ein Buch zu schreiben und als Schriftsteller zu reüssieren, war durchaus ein kleiner, eitler Traum von mir. Der andere ausschlaggebende Punkt war, dass ein Buch weitaus mehr Platz bietet, Songtexte und Illustrationen zu präsentieren. Also fasste ich den Plan, zwei Hände voll Geschichten zu schreiben, dazu die passenden Lieder zu komponieren, die Songlyrik dazu zu dichten und das ganze letztendlich mit Illustrationen zu versehen. Die Illustrationen, gemalt mit Pastellkreide, sind im Original übrigens nicht gerade klein, etwa DIN A 2. Ich hatte eine kleine Ausstellung und habe die meisten davon inzwischen verkauft, was deutlich einträglicher war als die Musik. Seltsam, oder?

Eva: CARSTEN, deine Profession als „Bassmeister“ ist unbestritten und wer verdiente wohl diesen Titel mehr als du, zumal du ja auch noch an diversen anderen Musikprojekten arbeitest und obendrein auch als Berufsmusiker dein Geld verdienst. Wie darf man sich denn deinen Berufsalltag vorstellen?

Carsten: Sehr vielseitig. Ich habe eine halbe Stelle im Philharmonischen Orchester. Dort spiele ich klassische Musik, in dieser Woche zum Beispiel die „Neunte Sinfonie“ von BEETHOVEN. Vorn steht der Generalmusikdirektor und dirigiert. Da bleibt wenig Freiraum für Eigenes. Dennoch macht es viel Freude Teil eines so großen Klangkörpers zu sein. Im Alltag ist dann so, dass meistens vormittags um zehn Probe ist, bis eins und dann nachmittags oder abends noch einmal. Oder ich sitze im Orchestergraben und spiele Oper oder Konzerte. Außerdem spiele ich freiberuflich Barockmusik, eine meiner großen Leidenschaften. Damit reise ich oft durch Europa und lerne eine Menge Leute kennen.

Eva: Was sagen deine Orchester-Kollegen zu ADVERSUS?

Carsten: Einige reagieren befremdet. Viele sind aber eher neugierig und fragen mich dann aus. Manchmal habe ich die Musik auch im Auto an und wenn wir in Fahrgemeinschaft fahren, kommen wir dann ins Gespräch. Eine Geigerin hatte auch schon mal Tränen in den Augen.

Eva: Nun stellt die Neuerscheinung „Der Zeit Abhanden“ eine für ADVERSUS ungewohnte Art von Konzeptalbum dar: Der Zusammenhang der einzelnen Geschichten und Lieder ergibt sich vor allem aus der formalen Vereinigung in einer Märchensammlung. Gibt es dennoch nennenswerte inhaltliche Gemeinsamkeiten und welche sind dies?

Rosendorn: Ja, die gibt es, wenn auch eher dezent. Die Protagonisten fast aller Geschichten haben die Gemeinsamkeit, dass ihr Leben in der jeweiligen Geschichte durch ein Ereignis oder eine Begegnung komplett aus den Fugen gerät und sie dazu gezwungen sind, ihre bisherige Existenz zu hinterfragen. Diese Brüche sind entweder traumatisch oder kathartisch, aber immer extrem. Eine andere Gemeinsamkeit der Geschichten ist, dass ihn ihnen Zeit eine große Rolle spielt, darauf verweist ja auch der Titel. Wie nehmen die Protagonisten die Zeit war, was macht diese mit ihnen und wann wird die Wahrnehmung der Zeit zu einem subjektiv zeitlosen Phänomen? Und zu guter Letzt handelt es sich einfach auch um eine Sammlung nachdenklicher, seltsamer, manchmal trauriger und oft auch schauriger Geschichten, die alle ein ähnliches Grundgefühl von Verloren-Sein miteinander teilen.

Das Bundle aus CD und Buch eröffnet den Konsumenten nicht nur eine medial erweiterte Vielfalt, auch die lyrischen Aussagen der einzelnen Tracks sind nicht immer zwangsläufig deckungsgleich mit den dazugehörigen Geschichten. Was bezweckst du mit diesem Aussage-Potential?

Rosendorn: Meine Arbeitsweise bestand darin, immer zuerst die Geschichte zu schreiben, denn dann hatte ich ausreichend „Basismetarial“ im Kopf. Als nächstes habe ich mir überlegt, wie so eine Geschichte denn klingen könnte und einen passenden Song arrangiert. Als Drittes folgte der Songtext und zum Schluss malte ich ein Bild. Dies wiederholte ich dann auf mehr oder weniger gleiche Weise elfmal. Meiner Meinung nach ist Kunst eine Form der Kommunikation, und Kunstformen sind wie verschiedene Sprachen, von denen jede einzelne ihren eigenen Duktus, ihre eigene Poesie besitzt. Es hat mich gereizt eine Geschichte in vier verschiedene Sprachen zu übersetzen. Wie „klingt“ das Haar eines Grablichtmädchens? Wie „reimt“ sich ihr Gitarrenriff, und wie „liest“ sich der Glanz seiner Haut? Es wäre langweilig gewesen, eine exakte Übersetzung zu liefern, stattdessen habe ich die verschiedenen Medien dazu benutzt, eine jeweils andere Perspektive auf das Thema zu zeigen. Oft scheinen Lyrik oder Illustration nicht exakt zu „ihren“ Geschichten zu passen, aber dann sollte man eben noch einmal genauer hinschauen und versuchen, die Sache aus einem anderen Blockwinkel zu betrachten.

Eva: Nachdem er eine Weile quasi in der Versenkung verschwunden war, bekommt die griechische Mythengestalt des Orpheus nun in „Der Zeit Abhanden“ wieder angemessen Raum – was fasziniert dich ausgerechnet so an dieser Figur und ihrer Geschichte?

Rosendorn: Du hast aufgepasst, in „Katharsis“ hatte er damals einen ersten einzeiligen Auftritt. Die Sage von Orpheus und Eurydike enthält so ziemlich alles, was einen guten, symbolgeladenen schwarzromantischer Stoff ausmacht: Eine schöne Frau, unerschütterliche Liebe, der dunkle Hades, ein schicksalhafter Handel, Persephone als Herrin der Unterwelt und ein nicht sehr erbauliches Ende, das im Suizid endet. Herrlich, was will man mehr? Bei mir nimmt die ganze Sache allerdings einen etwas anderen Lauf, wie der Leser feststellen wird.

Eva Reiner

TEILEN

AUTOR

Kein Bild