VOLBEAT
Die dänischen Senkrechtstarter VOLBEAT bedürfen wohl keiner Vorstellung mehr. Mit „The Strength/The Sound/The Songs“ machten sie sich einen Namen mit ihrer eigenwilligen, gut gelaunten Metal-Rockabilly-Mixtur, mit „Rock The Rebel/Metal The Devil“ spielten sie sich in die Herzen zahlloser Fans und mit „Cadillac Gangsters And Guitar Blood“ stehen sie bereit, die letzten Zweifler zu überzeugen. Aber nicht nur auf CD, sondern auch auf der Bühne gibt die umtriebige Band ein gutes Bild ab, was bei zahllosen in den letzten Jahren bespielten Festivals auch zu einer stetigen Vergrößerung der Anhängerschaft führte. Die Chance, Gitarristen THOMAS BREDAHL in Berlin persönlich auf den Zahn zu fühlen, konnte ich mir also nicht entgehen lassen und der gesprächige Däne erwies sich als freundlicher, unterhaltsamer und interessanter Interviewpartner, der trotz des massiven Erfolgs seiner Combo in den letzten Jahren kein bisschen abgehoben ist.
Ben: Wann hast Du “Cadillac Gangsters And Guitar Blood” denn das letzte Mal gehört?
Thomas: Das ganze Album?
Ben: Ja!
Thomas: Oh, das ist schon eine Weile her. Mindestens einige Wochen. Weißt Du, es gibt einige Bands oder Künstler, auch wenn ich mich nicht selber als Künstler bezeichnen möchte, die ihre eigenen Alben nicht anhören. Ich finde das ist falsch, weil wenn man die Musik selber nicht hören möchte, warum sollten andere Leute das wollen? Man sollte doch zumindest selber glauben, dass das Zeug, das man macht gut genug ist, um angehört zu werden. Weil wir die Songs zuerst geschrieben und dann aufgenommen haben und sie bei der Produktion immer und immer wieder anhören mussten, braucht man erstmal eine kleine Pause, wenn man damit fertig ist. Die Songs sind dann nichts, was ich die ganze Zeit hören möchte. Ich höre dann lieber andere Musik – es wäre ja auch ziemlich schäbig, sich die ganze Zeit selber zuzuhören. Was passiert ist, dass ich die Musik jetzt mit etwas Abstand als Album hören kann. Vor einem oder zwei Monaten habe ich da eher einen Prozess gehört, die einzelnen Parts. Es ist zwar vorbei, wenn man das Studio verlässt, aber man arbeitet dann im Kopf immer noch weiter an den Songs. Man hört die Parts, nicht das Album. Wenn man dann eine Zeit lang nicht mehr rein hört und die Arbeit und die Ideen, die es nicht auf das Album geschafft haben vergisst, dann kann man es wieder als Album hören. Das mache ich dann immer wieder. Wir haben ja gerade die Festival-Saison beendet, wo wir auch immer wieder einzelne Songs vorgestellt haben, auch wenn ich finde, dass man ein Album erst live spielen sollte, wenn es auf dem Markt ist. Aber um zu entscheiden, welche Songs bei der Tour im Oktober gespielt werden und um die Songs neu zu lernen, ist das sehr hilfreich. Schließlich waren die Aufnahmen schon im April und da spielt man ja auch nicht die ganzen Songs, sondern einzelne Parts. Dann vergisst man auch die Songs wieder, deshalb ist es dann auch nötig, wieder das Album anzuhören. Aber das mache ich eigentlich ganz gerne. Das gehört einfach dazu.
Ben: Bist Du denn zufrieden mit dem Album?
Thomas: Ja! Es ist das beste VOLBEAT Album, das wir je aufgenommen haben – zumindest bis wir das nächste Album aufnehmen.
Ben: Stimmt. Das Album ist sehr gut. Und es enthält einige Überraschungen, was mich zu meiner nächsten Frage bringt: Wer singt die weibliche Stimme bei „Mary Ann's Place“?
Thomas: Das steht nicht in der Presseinfo. Natürlich steht es im Booklet, aber wir wollten es nicht zu früh bekannt geben, sondern lieber etwas geheim halten. Besonders in Dänemark sind wir eine ziemlich große Nummer inzwischen, deshalb wollten wir es etwas spannender machen und haben am Anfang nur verraten, dass es einen Gast geben wird. Aber was rede ich groß drum herum. Es ist PENILLE ROSENDAHL, eine dänische Sängerin, die in einer Band namens SWAN LEE war, die so Indie-Zeug machten. Ich weiß nicht, wie bekannt sie in Europa waren, aber in Dänemark waren sie ziemlich bekannt. Sie haben sich aber nach einigen Alben aufgelöst. Dann hat man sehr lange nichts von ihr gehört. Für das Album hatte MICHAEL (POULSEN) dann den Plan, bei einem anderen Song eine Sängerin einzuladen. Er wollte eine dicke schwarze Gospel-Sängerin, aber in Dänemark haben wir nur dicke weiße Gospel-Sängerinnen gefunden und denen hat einfach vom Feeling her etwas gefehlt. Deshalb haben wir diese Idee dann verworfen und den Song nur für MICHAEL geschrieben. Als wir dann „Mary Ann's Place“ im Proberaum gespielt haben, hatten wir die Idee, dass es da passen könnte. Wir haben dann lange überlegt, wer passen könnte. In Dänemark gibt es viele ausgebildete Sängerinnen, die zwar singen können, die aber alle sehr ähnlich und austauschbar sind. Außerdem gab es in der Metal-Szene in den letzten Jahren diese Vorstellung, dass weibliche Vocals wie EVANESCENCE klingen müssen, was wir langweilig fanden. Die Sängerinnen sind da zwar alle sehr talentiert, aber sie klingen alle gleich. Und wir wollten eben etwas anders, etwas besonderes. Das hat jetzt nichts mit Geringschätzung dieser Bands zu tun, aber was wir machen, soll einfach „echt“ und „eigen“ sein. Deshalb brauchten wir eine Sängerin, die besonders klingt. Wir haben ewig gesucht bis MICHAEL im Auto von seiner Freundin Musik von PENILLE vorgespielt bekam. Und in dem Moment, wo er sie hörte, wusste er, dass sie passen würde. Deshalb haben wir ihr eine Mail geschrieben, dass wir diese Idee für den Song hätten und ob sie das nicht probieren möchte. Wir haben dann eine Demo-Aufnahme im Proberaum gemacht, die wir ihr geschickt haben und dann kam sie zum Proben und das klang einfach gut und hat funktioniert. Sie kam dann also für anderthalb Stunden ins Studio. Dafür ist sie von Kopenhagen quer durch das Land gefahren und ist wieder gegangen. Jetzt hat sie übrigens ein neues Projekt namens THE STORM, das einen sehr schrägen Sound macht.
Ben: Du hast eben gesagt, dass alles bei VOLBEAT „echt“ sein soll, da muss ich doch mal nachhaken und nach der in meinen Ohren zweiten großen Überraschung auf „Guitar Gangsters And Cadillac Blood“ fragen, den Streichern bei „Light A Way“. Sind die auch echt oder wart ihr da mit Keyboards am Werk?
Thomas: Wir haben das selber eingespielt (lacht) Nein, im ernst, das sind nichtmal echte Streicher. Die kommen aus dem Computer. Da hast Du mich erwischt. Das hat unser Produzent gemacht. Wir haben keinen blassen Schimmer von Streichern oder Noten oder so und er sollte eigentlich die Noten aufschreiben, damit echte Streicher sie einspielen können. Er hat die dann am Computer gesetzt und damit wir hören können, wie es klingen würde, hat er es zum Song hinzugefügt. Und das klang gut und dann haben wir überlegt, dass vier oder fünf Streicher, die das einspielen etwa so viel wie die restliche Produktion gekostet hätten, ohne, dass jemand einen Unterschied gemerkt hätte. Aber es stimmt schon, dass das „unecht“ ist, aber da geht es auch mehr um „Originalität“. Natürlich wurde die Sache mit Streichern in der Rockmusik schon gemacht, aber da hat es einfach gut gepasst. Weißt Du, man hat immer Ideen, dass man irgendwas machen will, aber dann am Ende stellt man fest, dass oft Kompromisse auch gut funktionieren. In diesem Fall wäre es einfach bescheuert gewesen, so viel Geld nur wegen des Prinzips auszugeben.
Ben: Glaubst Du dass diese „Echtheit“ oder nennen wir es vielleicht besser „Ehrlichkeit“ ein Hauptgrund für den Erfolg ist, den VOLBEAT in den letzten Jahren hatten?
Thomas: Ja auf einer musikalischen Ebene sicher, aber ich glaube die persönliche Ebene ist wichtiger. Wir stellen uns nicht als die großen Rockstars dar, wir versuchen nicht die nächste große Nummer zu sein. Wir versuchen einfach bei dem zu bleiben, was wir machen. Wir wollen einfach Musik spielen, weil wir es lieben, Musik zu machen und weil wir es lieben, auf Tour zu gehen. Wir vergessen nicht, dass die Leute, die dafür sorgen, dass es bei uns weiter gehen kann, unsere Fans sind. Die Fans sind also genauso wichtig wie die Band. Deshalb nehmen wir uns immer Zeit, nach Konzerten noch im Club zu bleiben. Wir haben kein Problem damit, uns unter das Publikum zu mischen und uns nach der Show mit den Fans zu treffen und zu unterhalten. Wenn jemand da ist, der uns sehen möchte, dann sind wir auch mal die ganze Nacht da. Das ist für mich „ehrlich“. Nicht nur die Musik. Auch wenn wir auf der Bühne stehen, dann müssen wir uns nicht wie andere Musiker oder „Rockstars“ verkleiden oder hinter komischen Klamotten oder so verstecken. Wir tragen einfach die Klamotten, die wir sonst auch tragen würden. Und auch auf der Bühne kommunizieren wir mit den Leuten, wenn da jemand was ruft oder so, dann gehen wir darauf ein und so. Das gehört einfach dazu, Kontakt mit den Leuten aufzunehmen. Schließlich sind es nur fünf Stufen von der Bühne bis ins Publikum. Wir sind einfach froh, dass wir das machen können, was wir gerne machen und auch noch davon leben können. Jede Show ist für uns eine tolle Erfahrung und wir wollen auch, dass sie für das Publikum eine tolle Erfahrung ist. Ich erinnere mich noch, wenn ich früher zu Konzerten gegangen bin, wo ich ein großer Fan war, dann wollte ich einfach nur eine CD signiert haben und ein Foto mit der Band machen. Und manche Bands haben sich die Zeit genommen und das gemacht, von denen war ich hinterher ein noch größerer Fan. Die Bands, die das nicht gemacht haben, habe ich nie verstanden. Schließlich geben die Fans Geld aus, um zum Konzert zu reisen, eine Eintrittskarte zu kaufen, Shirts und CDs zu kaufen, da kann man ja doch hinterher noch so eine Kleinigkeit für die Fans machen. Ich verstehe nicht, warum manche Bands ihre Fans so schlecht behandeln. Das ist aus meiner Sicht die „Ehrlichkeit“, die VOLBEAT ausmacht und die viel zu unserem Erfolg beiträgt. Außerdem können wir zugeben, dass wir unterschiedliche Musik hören. Wir machen uns keine Gedanken darüber, die richtigen Klamotten zu tragen oder die richtigen Sachen zu sagen, wir sagen was wir denken und wenn ich eben ein ROXETTE-Fan bin, dann sage ich das und trage auch das T-Shirt. Ich denke nicht darüber nach, wem das passt oder nicht. Und vielleicht machen wir dann auch ROXETTE-Beeinflusste Songs. Warum auch nicht? MICHAEL ist ein Fan der MANIC STREET PREACHERS, weshalb einiges von dem neuen Material von ihnen beeinflusst wurde. Das ist doch kein Geheimnis. Ich mochte früher in den 90ern den ganzen Ska-Kram, deshalb ist auf der neuen Scheibe eben auch ein Ska-Riff. Auch wenn die Metalheads Reggae und Ska hassen, wir hatten da Lust drauf und haben das einfach gemacht und es in den VOLBEAT-Sound eingebunden. Wir covern ja nicht BOB MARLEY, sondern wir klingen immer noch nach VOLBEAT. Dann muss man sich auch nicht vor seinen Einflüssen verstecken.





