E-tropolis 2010
Am 26. Juni 2010 fand in Berlin das erste E-tropolis-Festival statt. Ganze 13 Top-Acts des Dark-Electro fanden sich auf dem Columbia-Gelände ein, um einen ganzen Tag lang den Klängen der derberen Art zu lauschen.
Schon um 13 Uhr wurden die Türen geöffnet und so war das Gelände um die C-Halle und den C-Club beim Startschuss um 15 Uhr schon äußerst gut gefüllt. Nur wegen des Headliners mal schnell vorbei zu kommen, hatte offensichtlich niemand geplant. Und so spielte die PATENBRIGADE: WOLFF den Eröffnungsgig vor einer durchaus respektablen Zuschauerzahl.
Mit einem Andrang von 3.500 Besuchern hatte man beim E-tropolis offensichtlich nicht gerechnet, obwohl die guten Vorverkaufszahlen eigentlich einen Hinweis darauf hätten geben müssen. Zwar reichte der Platz vollkommen aus und die Biergärten und das Getränkeangebot sorgten durchaus für einen entspannten Tag. Was der Veranstalter allerdings vergessen zu haben schien, waren die Essens-Stände. Davon gab es nämlich gerade mal vier Stück. Die Würstchen waren nach ein paar Minuten ausverkauft und auch die belegten Brötchen waren mehr als schmal kalkuliert. Zwar bewies man Improvisationstalent und orderte bei türkischen Bäckern der Umgebung Nachschub. Der war allerdings auch innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Ebenso wie die Würstchen, vor denen sich Schlangen bildeten, die erst nach einer Stunde absolviert waren. Derweil konnte immerhin diskutiert werden, ob es eine Alternative wäre, sich eine Pizza an die Absperrung liefern zu lassen. Für ein Festival, das bereits um 13 Uhr startet, hätte man da doch einiges mehr erwartet.
Aber genug genörgelt: Abgesehen von den fehlenden kulinarischen Möglichkeiten, präsentierte sich das erste E-tropolis in einem äußerst guten Licht. Die Bands waren handverlesen und auch die Organisation war vorbildlich. Dazu kamen ebenso professionelle wie freundliche Mitarbeiter der Security. Einem launigen Tag stand also nichts im Wege.
Nachdem die Bauarbeiter der PATENBRIGADE: WOLFF die C-Halle schon mal ordentlich angewärmt hatten, legten gleich im Anschluss KMFDM ordentlich nach. (FK)
Einige Besucher waren sicher überrascht, das deutsch-amerikanische Quintett um SASCHA KONIETZKO so früh im Programm zu sehen, aber dahinter stand sicher das Kalkül, die Hallen möglichst früh zu füllen, was auch ausgezeichnet funktionierte. Und so wurden KMFDM für ihr Set auch gehörig gefeiert. Die Band hat im Laufe ihrer Karriere schon so viele Zielgruppen beackert, dass auch heute wieder für jeden etwas dabei war: "Hau Ruck" war eindeutig für die RAMMSTEIN-Fraktion unter den anwesenden Fans gedacht, während "A Drug Against War" die MINISTRY-Fans angesprochen haben dürfte. Eine starke Live-Band am frühen Nachmittag, die eine hervorragende Einstimmung auf das Festival war. (BK)
SHE’S ALL THAT eröffneten wenig später die Bühne des C-Clubs. Wer genau hinter den komischen Männchen mit Masken und Overalls steckt, bleibt weiterhin unklar. Die bizarre Show begeisterte in Berlin aber absolut. So blieb der eine oder andere, der sich eigentlich nur aus dem Biergarten durch die Halle schieben wollte, doch noch ein paar Minuten stehen, um den Klängen des Electro-Punk-Soundclash zu lauschen.
An die Lässigkeit von CLAUS LARSEN mit seinem Projekt LEÆTHER STRIP kam an diesem Abend niemand heran. Herr LARSEN hatte sich in ein schickes blaues Hemd geschmissen, dazu hängende rote Hosenträger. So stolzierte der Däne zu seiner Musik über die Bühne und schmetterte einen Hit nach dem anderen. Dazu gab es eine sehr minimalistische Bühnenshow, die eigentlich nur das Logo der Band zeigte und trotzdem war die Bühne von der Energie LEÆTHER STRIPs von der ersten bis zur letzten Minute voll eingenommen. Das Publikum war begeistert.
Für die einen machen CYBORG ATTACK nichts weiter als groben Unfug. Für die anderen bieten die Chemnitzer immer wieder eine willkommene Gelegenheit, um Ellenbogen und Beine auszufahren und ein ausschweifendes Tänzchen aufs Parkett zu legen. Im C-Club hatten sich zu ihrem Auftritt zahlreiche treue Fans eingefunden. Genau so viele, dass ausreichend Platz zum Tanzen war und doch kaum Leerraum. Das Mikro zeigte sich zwar nicht so begeistert von Sänger SANDROs energetischer Bühnenshow. Das Publikum war umso mehr erfreut, als Songs wie „Blutgeld“ oder „Störf***tor“ zum Besten gegeben wurden. Da mag man den mangelnden Anspruch der Texte noch so bemängeln, live kicken CYBORG ATTACK ganz schön die Ärsche. (FK)
Währenddessen enterte in der C-Halle eine Legende die Bühne. Mit den Worten "Herzlich Willkommen, wir sind die DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT" begrüßte GABI DELGADO-LOPEZ die Fans und eröffnete das Set mit dem Klassiker "Verschwende Deine Jugend", was unter den Fans sofort zu Pogo-Einlagen und Jubelschreien führte. Während DELGADO-LOPEZ nach jedem Song die Wasserflaschen über sich und im Publikum verteilte, führte er souverän durch ein Set voller Klassiker und spätestens als als dritter Song "Tanz Den Mussolini" erklang, gab es in der C-Halle kein Halten mehr. (BK)
Der Sinn und Erfolg von FEINDFLUG hat sich mir bis heute noch nicht vollständig erschließen können. Okay, die schweren Electro-Beats gehen in Mark und Bein – ein Stillstehen ist quasi unmöglich. Warum aber tausende Menschen fröhlich zu Videos tanzen, die klischeehaft von Völkermord, Bombenabwürfen, Folter und Terrorismus zeugen, ist absolut unklar. FEINDFLUG zeigten, natürlich, auch in Berlin ihre von vielen gefeierte Videoshow. Auf der Bühne gab es dann Blue Man Group für Schwarze. Im Halbdunkel wurde auf Trommeln, Tonnen und andere Percussion-Instrumente eingedroschen. Ohne Zweifel – die Show war klasse. Einzig die Verbindung des Themas mit ausgelassenem Feiern hat immer wieder einen schalen Beigeschmack. Da mögen die Videos noch so sehr der Abschreckung dienen. Oder um einen Zuschauer zu zitieren: "Die Musik war ja ganz gut, aber die Videos hätte GUIDO KNOPP besser hinbekommen". In diesem Sinne... (FK)
COMBICHRIST waren so etwas wie der heimliche Headliner des Tages. Und wenn eine Band so lange und ausdauernd auf Tour ist, wie die Herren um ANDY LAPLEGUA, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Band steigert sich von einem Konzerthöhepunkt zum Nächsten oder aber sie wirkt irgendwann ausgelaugt und leer. Bei COMBICHRIST ist glücklicherweise ersteres der Fall und das wurde auch binnen Sekunden klar, denn bereits mit den ersten Takten des Sets hatte ANDY LAPLEGUA das Publikum beim E-tropolis Festival fest im Griff. Und das zeigte sich auch sehr dankbar und feierte COMBICHRIST und ihren Harsh Electro enthusiastisch. Und egal ob man COMBICHRIST zum ersten Mal oder zum zehnten Mal sieht, die Band sprüht bei jedem Konzert nur so vor Energie und bietet mit der mittlerweile obligatorischen Schlagzeug-Wurf-Schlacht auch immer wieder eine unvergessliche Show. Man kann nach diesem Auftritt mit gutem Gewissen sagen, dass es derzeit vermutlich keine bessere Live-Band als COMBICHRIST im Elektro-Sektor gibt. (BK)
Während COMBICHRIST noch die C-Halle zum Beben brachten, bereiteten sich ANDY DAVIDS und seine Frau CLAUDIA schon mal auf ihren Auftritt mit ihrem Projekt XOTOX im C-Club vor. Der Soundcheck wurde noch vor gerade mal einer Hand voll Zuschauer absolviert, zum Gig selber war der Club dann aber gut gefüllt. Den einzigen Fehler, den XOTOX an dem Abend begangen war sicherlich Ansager HONEY (sonst WELLE:ERDBALL) dazu zu überreden, die beiden auf der kleinen Bühne anzusagen. Der konnte sich nämlich den peinlichen Kalauer nicht verkneifen und begrüßte ANDY und CLAUDIA als AL BANO und ROMINA POWER der Industrial-Szene. Davon abgesehen verlief der Gig ohne weitere Vorkommnisse. Es wurde ordentlich getanzt, jeder hatte Spaß und nur wenige bereuten es, die letzten Töne von COMBICHRIST verpasst zu haben. Insgesamt könnten CLAUDIA und ANDY ihre Show noch etwas überzeugender und weniger hölzern gestalten. Aber im Mittelpunkt steht ja sowieso die Musik. Und die rauchende Trommel ist immer wieder toll.
Nach dem eigentlichen Kracher des Abends standen COVENANT auf dem Spielplan. Der Auftritt war perfekt platziert, denn nach COMBICHRIST war eine kleine Erholung durchaus angebracht. Mit „Stalker“ eröffneten die sympathischen Schweden ihren Gig, der eine nette Mischung quer durch die Bandgeschichte beinhaltete. Das hypnotische „Call The Ships To Port“ oder das wunderschöne „The Men“ wurden ebenso zum Besten gegeben wie das zum Dahinschmelzen leise „Invisible & Silent“. Dazwischen gab es immer mal wieder ordentlich auf die Ohren. So wurde zum Beispiel zu „Ritual Noise“ noch mal ordentlich getanzt. Dabei gab sich Sänger ESKIL SIMONSSON immer wieder freudig ergriffen vom eifrig mitsingenden Publikum. Nicht nur einmal bedankte sich der Frontman artig.
Sehr ausgelassen zeigte sich auch Keyboarder JOAKIM MONTELIUS. Der ging während der Show nämlich gleich zweimal zu Boden, robbte sich wieder an sein Arbeitswerkzeug heran und kugelte sich wenig später zwischen ESKILs Beinen. Ob da wohl zuvor etwas Freibier im Spiel war? Die Show hat es jedenfalls zu einer sehr launigen gemacht.
Das Ende des ersten E-tropolis Festivals läuteten weit nach Mitternacht die beiden Mexikaner von HOCICO ein. Die C-Halle war noch immer bis auf den letzten Platz gefüllt, als die mitreißende Bühnenshow begann. Während des Intros wurden Fernseher auf der Bühne platziert, die nichts als Rauschen zeigten. Unter großem Applaus enterten wenig später die Cousins ERK AICRAG und RACSO AGROYAM die Bühne. Während sich RASCO gewohnt zurückhaltend hinter elektronischem Gerät verschanzte, raste ERK wie ein Berserker über die Bühne, kämpfte gegen bizarre Monster und sang sich dabei die Seele aus dem Leib. Ein würdiger Abschluss für ein tolles E-tropolis.
Die Fortsetzung ist übrigens schon in Planung. Am 3. September 2011 wird das zweite E-tropolis-Festival stattfinden, ließen die Veranstalter verlauten. (FK)
Unsere Autoren:
Freya Kettner (FK)
Ben Kettner (BK)




