SIRI HUSTVEDT: Die Zitternde Frau. Eine Geschichte Meiner Nerven
Der Titel des neuen Werkes von SIRI HUSTVEDT weckt die Vorstellung eines ergreifenden Romans: „Die Zitternde Frau“ verspricht starke Emotionen – oder etwa nicht?! Auf 224 Seiten entführt uns SIRI HUSTVEDT in die Welt der Neurologie, der Psychologie und nicht zuletzt in ihre ganz persönliche Welt. Die Autorin ist an einem ungewöhnlichen Nervenleiden erkrankt und versucht sowohl durch eigene Recherche als auch mit Hilfe von Neurologen und Psychiatern die Ursache für ihre Beschwerden zu finden. Sie leidet unter ohne Vorzeichen auftretenden Krampfanfällen die jedoch ausschließlich ihren Körper betreffen und ihre geistige Klarheit währenddessen unberührt lassen.
Im Zuge ihrer Suche skizziert sie die Geschichte der Neurologie und Psychologie und macht an vielen wesentlichen Eckpunkten Halt. Berichtet wird hierbei beispielsweise über Siegmund Freud und die Hysterie, die neuesten Erkenntnisse der Schlafforschung, Auswirkungen verschiedener Hirnschädigungen und deren Therapie oder auch die philosophischen Diskussionen über das Wesen des Bewusstseins im Laufe verschiedener Epochen. Parallel dazu erzählt sie die Entwicklung ihrer Krankheit und beschreibt wie ein neues Symptom oder ein neuer Gedanke die Richtung ihrer fachlichen Recherchen lenkt. Dieser Übergang geschieht schleichend und grob kann man sagen, dass die erste Hälfte des Buches sich primär den fachlichen Inhalten widmet während die zweite Hälfte des Buches zunehmend von SIRI HUSTVEDT und ihrer Erkrankung handelt.
Das Konzept des Buches lässt kaum Wünsche offen. Großartig ist die Idee der doppelten Reise in die Welt der Psychologie und der Ansatz ein Sachbuch mit einem biografischen Roman zu kreuzen. Besonders für Leser denen die Psychologie und ihre Geschichte noch eher fremd sind kann dieses Buch einen informativen Einstieg ermöglichen da es einen recht guten Überblick vermittelt.
Die Umsetzung ist jedoch nicht so gelungen wie erhofft und somit umso enttäuschender. Obgleich die Etappen der Psychologie durchaus sinnvoll ausgewählt sind, krankt die Darstellung. Besonders in der ersten Hälfte fehlen in weiten Strecken sowohl sprachliche als auch emotionale Glanzpunkte.
Es will einfach nicht funken und trotz der sachlich interessanten Aspekte bleibt der Text kühl und kann den Leser nicht so recht mitreißen. Man muss sich ähnlich wie bei einem reinen Sachbuch oder auch einem erzählerisch schwächeren Roman ein wenig durchquälen und hofft auf ein großes Finale. Hinzu kommen kleinere Detailfehler, die nicht unbedingt auffallen, aber wenn sie es tun, durchaus verärgern können – besonders dann, wenn sie zu gewichtigen Schlüssen führen sollen. So schreibt die Autorin beispielsweise, dass nur höhere Tiere wie Menschenaffen oder Delphine sich selbst im Spiegel erkennen könnten und somit der Beweis getätigt sei, dass nur höhere Tiere über ein Bewusstsein verfügten. Dies ist sachlich schlicht falsch, können doch zum Beispiel auch Elstern sich im Spiegel erkennen und versuchen infolgedessen sofort einen Farbkleks auf ihrem Schnabel abzuwischen. Falls damit Provokanz indiziert werden sollte ist dies aufgrund des sachlichen Fehlers leider misslungen.
Das große Finale bleibt dann leider aus, auch wenn der zweite Teil deutlich spannender und manchmal potentiell mitreißend geschrieben ist. Um zu fesselnd reicht es leider nicht. Die Verschmelzung der Fachaspekte und ihrer persönlichen Geschichte ist handwerklich gut gemacht und vereinzelt entsteht beim Leser auch ein stärkeres Gefühl oder ein anregender Gedanke. Zeitweise gibt es sogar richtig gute Passagen die der erzählerischen Qualität, über die SIRI HUSTVEDT verfügt, gerecht werden und von denen man sich einfach nur mehr und vor allem von Beginn an mehr gewünscht hätte.
Als Fazit kann man sagen, dass das Buch für Leser, die sich bisher eher wenig mit der Psychologie und ihrer Geschichte befasst haben, sicher interessanter und bereichernder ist als für mit der Materie vertraute Menschen, denen das Buch lediglich schon Bekanntes neu verpackt. Daher mögen erstere noch ein bis Punke zu der abschließenden Bewertung dazu addieren. Ansonsten wird die Umsetzung der an sich guten Idee nur streckenweise gerecht und der große emotionale oder intellektuelle Rausch bleibt auch bis zum Ende leider aus. Im Gesamteindruck gleicht der stärkere zweite Teil den eher unterkühlten und schleppenden ersten Teil etwas aus, so dass sich unterm Strich keine extrem schlechte Bewertung ergibt. Da auch die versuchte Kreuzung eines Sachbuches mit einem packenden biografischen Roman unterm Strich nicht wirklich gelungen ist, spreche ich jedoch tendenziell enttäuscht „Der Zitternden Frau“ von SIRI HUSTVEDT lediglich eine eingeschränkte Kaufempfehlung aus.






