JOSEPH NASSISE : Die Hunt-Chroniken: Der Schattenseher
Einen Urban-Fantasy-Roman dessen Großteil an Protagonisten aus Geistern, Dämonen und sonstigen magischen Wesen besteht als ein wenig blutleer zu beschreiben klingt tautologisch. Der „Schattenseher“ von JOSEPH NASSISE bildet den Auftakt der „Hunt-Chroniken“ und soll damit wohl die Nachfolge der erfolgreichen „Chroniken Der Templer“ antreten.
Im Mittelpunkt des Romans steht der ehemalige Universitätsprofessor Jeremiah Hunt, ein Antiheld wie er im Buche steht: ein wenig unbedarft, alles andere als ein Muskelprotz und schon gar kein Frauenheld. Seit fünf Jahren befindet sich der Protagonist mit dem sprechenden Namen auf der obsessiven Suche nach seiner kleinen Tochter Elisabeth, die spurlos aus dem Haus der Familie verschwand. In seiner Verzweiflung und in Anbetracht der Machtlosigkeit der Polizei, die den Fall schon bald zu den Akten legt, wendet sich Hunt übersinnlichen Experten zu – und verliert bei einem obskuren Ritual einen Teil seines Augenlichts. Fortan ist er fast vollständig blind – solange er sich im Licht befindet. In der Dunkelheit hingegen kann er nicht nur ebenso gut sehen wie seine Mitmenschen bei Licht – er sieht sogar wesentlich mehr: die Geister der Verstorbenen. Er hat „Eyes To See“ (so der amerikanische Originaltitel) – eine Gabe, die ihm nicht nur mehr oder weniger angenehme neue „Bekanntschaften“ beschert, sondern ihn auch für das Boston Police Department interessant macht. Als vermeintlich hellseherisch begabter Berater der Polizei wird Hunt in die Ermittlungen um einen Serienmörder hineingezogen – der (wen wird es wundern) ebenfalls nicht in das Fahndungsraster normaler Polizeiarbeit passt und wie sich herausstellt in Verbindung zu Elisabeths Verschwinden steht. Dass Hunt bei seiner Jagd nach dem Mörder nicht nur von den Geistern Wisper und Scream unterstützt wird sondern auch noch Freundschaft schließt mit Dimitri, dem Barkeeper seiner Stammkneipe, sowie mit der Zaunhexe Denise Clearwater, die den Lesern von JOSEPH NASSISE bereits aus der „Chronik Der Templer“ bekannt sein dürfte, erweist sich als Glücksgriff für den Handlungsverlauf, sowohl inhaltlich als auch formal. Denn leider ist das Buch ansonsten stellenweise ein wenig redundant. Auch der langsamste Leser wird spätestens nach der zweiten Wiederholung die Umstände des Verschwindens von Hunts Tochter verstanden haben. Zur Sicherheit jedoch garantieren die Kapitelüberschriften – alternativ „Damals“ und „Heute“ – den Überblick über die zwei (!) Zeitebenen des Romans. Und auch die Kürze der einzelnen Kapitel, die wohl das Erzähltempo erhöhen soll, gehen häufig zu Lasten der Handlung.
Dennoch: Das Buch ist kurzweilig und unterhaltsam, auch wenn es auf subtile Handlungsstränge, überraschende Wendungen oder facettenreiche Charaktere verzichtet und manchmal ein wenig zu sehr an „The Sixth Sense“ von M. Night Shyamalan aus dem Jahr 1999 erinnert. Von einem fulminanten Auftakt einer neuen Serie zu sprechen wäre daher leider ein wenig übertrieben, zumal die Tatsache, dass JOSEPH NASSISE der erste Autor ist, der 2002 innerhalb eines Jahres sowohl für den Bram Stoker- und den International Horror Guild-Award nominiert wurde, die Erwartungen erhöht. Dennoch: „Der Schattensehen“ eignet sich bestens für einen gemütlichen Sonntag oder einen Ausflug an den Badesee – zumal der Kaufpreis von 9,95 Euro sich allein schon für das wirklich hervorragend gelungene Coverartwork lohnt, das mit Prägungen und Hochglanzdruck aufwartet.









