ELUVEITIE schaffen es immer wieder zu überraschen. Nachdem sie zuletzt ein Unplugged-Album veröffentlichten, haben sie es jetzt mit einem großartigen Metal-Album wieder getan. Zu den Hintergründen des Albums und dazu, warum auf "Evocation I" nicht "Evocation II" folgte, äußerte sich Bandkopf CHRIGEL.
Ben: Lass uns doch gleich mit einer Standardfrage zum neuen Album einsteigen: Kannst du denn den Titel “Everything Remains (As It Never Was)“ etwas näher erklären? Das klingt ja zunächst nach einem Widerspruch.
Chrigel: Um dir den Titel erklären zu können, muss ich zuerst mit der Grundidee der Texte anfangen. Der Inhalt des Albums ist eine Sammlung von Geschichten aus dem antiken Gallien. Geschichten wie Einzelschicksale von ganz normalen Leuten und von Königen, Druiden, Kriegern und so weiter. Aber auch Geschichten über ganze gallische Stämme und bei zwei Songs geht es sogar um Sagen und Mythen, die über die Jahrhunderte überliefert wurden. Das Album behandelt textlich also wieder historische Themen. Was uns bei der Auseinandersetzung mit diesen Themen wichtig war ist, dass wir versucht haben, die menschliche und die emotionale Seite in den Vordergrund zu stellen und vor diesem historischen Kontext zu fokussieren. Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, dann wird man nämlich normalerweise damit konfrontiert, dass es eigentlich immer nur um kalte, harte Fakten geht, zum Beispiel „dieser Krieg ging vom Jahr sowieso bis zum Jahr sowieso, Ende der Geschichte“. Ich denke aber, dass man sich vor Augen halten sollte, dass es am Ende Einzelschicksale und Individuen hinter diesen Fakten Stecken und dass es diese Individuen sind, die am Ende Geschichte schreiben. Das ist der eine Aspekt, der uns beim Songwriting wichtig war. Was für mich aber auch ein sehr zentrales Thema beim Schreiben der Texte war ist das Bewusstsein, dass man zwar viel über vergangene Kulturen erforschen und wissen kann aber dass im Endeffekt niemand heute noch sagen kann, wie es damals wirklich war, weil natürlich niemand vor 2000 Jahren dabei war. Deshalb kann natürlich auch niemand wirklich wissen, was die Leute damals gedacht haben oder was sie angetrieben hat. Man kann Geschichte also sehr genau betrachten, aber man sieht sie immer nur von außen wie ein Spiegelbild auf der Oberfläche eines Sees. Dieses Bewusstsein, dass da so vieles ungewiss ist, bringt der Albumtitel zum Ausdruck.
Ben: Und woher nimmst du dann eigentlich den Stoff für solche Texte? Wie du schon sagtest, gibt es da ja eigentlich wenige oder keine wirklich zuverlässige Quellen.
Chrigel: Ja genau, ich habe da nur Informationen über die Rahmenbedingungen. Die ganze Thematik ist ja schon immer zentral für das Konzept von ELUVEITIE – das liegt einfach daran, dass das eine Leidenschaft von mir ist, mit der ich mich persönlich seit vielen Jahren beschäftige. Und wenn man sich über viele Jahre intensiv mit etwas beschäftigt, dann findet man natürlich auch viele Möglichkeiten, Quellen aufzutun und hat Zugang zu vielen Informationen.
Ben: Der Titel des Vorgängeralbums „Evocation I: The Arcane Dominion“ hatte ja Grund zur Annahme gegeben, dass es auch ein „Evocation II“ geben könnte. Warum ist das jetzt nicht geschehen?
Chrigel: Es ist auf jeden Fall geplant, „Evocation“ fort zu setzen. Als ich damit begann, das Konzept für „Evocation“ zu schreiben, stellte sich bald heraus, dass das ein zweiteiliges Konzeptalbum werden soll. Es wird also auf jeden Fall „Evocation II“ geben. Wann das aber kommt, das steht in den Sternen. Das Konzept steht wie gesagt schon seit Ende 2006, aber wann wir das machen, ist noch nicht entschieden. Es kann durchaus sein, dass „Evocation II“ das nächste Album wird, aber es kann auch gut sein, dass wir das erst später machen.
Ben: Ich hatte beim Hören von „Everything Remains“ das Gefühl, dass die Erfahrung, ein akustisches Album aufgenommen zu haben, sich durchaus auch auf das neue Material auswirkt.
Chrigel: Das ist schwer zu beantworten. Ich habe mir diese Frage auch schon selber gestellt. Rein sachlich betrachtet, muss man sie natürlich mit „ja“ beantworten. Alles, was man als Band macht, beeinflusst einen und mit jedem Album lernt man dazu. Natürlich haben wir mit diesem Experiment eine Erfahrung gesammelt und natürlich beeinflusst uns das. Aber es ist jetzt nicht so, als könnte ich den Finger drauf legen und sagen „ja, an dieser Stelle hat uns das beeinflusst“ oder so.
Ben: Ich finde, das Songwriting auf „Everything Remains“ ist sehr rund und stimmig geworden.
Chrigel: Ich sag's jetzt mal selbstbewusst: Ja, ich habe auch das Gefühl, dass wir uns da weiter entwickelt haben. Mit jedem Song, den man schreibt, hat man, genau wie bei jeder Sache, die man im Leben macht, die Chance, zu lernen. Man muss diese Chance dann nur ergreifen. Ich glaube schon, dass wir in den letzten Jahren als Band gereift sind und die Chancen, uns zu entwickeln, ergriffen haben. Wir wünschen uns natürlich, dass unser Songwriting wächst und wir versuchen, uns weiter zu entwickeln, um noch besser zu werden. Gerade hinsichtlich des Songwritings denke ich, dass wir inzwischen den Einsatz der vielen Instrumente, die wir verwenden, viel besser hin bekommen. Es ist ja nicht so, als würden weniger Instrumente zum Zuge kommen, aber sie werden eben gezielter eingesetzt, wodurch die Songs packender und homogener wirken.
Ben: Überraschend fand ich, dass für das Masteringstudio, das sich eures Albums angenommen hat, als Referenz die KAISER CHIEFS und die ARCTIC MONKEYS genannt wurden – also weder Referenzen aus dem Metal-Bereich noch aus dem Folk- oder Mittelalter-Sektor.
Chrigel: Das kam so: Wir haben für den Mix COLIN RICHARDSON ausgewählt, der ja schon mit SLIPKNOT und MACHINE HEAD gearbeitet hat. Das heißt er ist zwar ein Metal-Produzent, aber man könnte ihn schon als „Popper“ bezeichnen. Er war nach meinem Gefühl ein absoluter Glücksgriff. Und dass JOHN DAVIS für das Mastering ausgewählt wurde, ist auf COLINS Mist gewachsen und das war das Beste, was uns passieren konnte. COLIN hatte mir eine Mail geschrieben, dass er entgegen dem ursprünglichen Plan das Mastering doch nicht selbst machen wollte. Er hatte einige Versuche gemacht, aber die haben ihm alle nicht gefallen. Deshalb hat er JOHN DAVIS vorgeschlagen. Der Mix war sehr geil, deshalb haben wir nur gesagt „Du hast unser vollstes Vertrauen und wenn du sagst JOHN DAVIS ist dafür der Richtige, dann ist das so“. Als wir dann das Master von JOHN gehört haben, da hat uns das richtig umgehauen. Unser Drummer hat das am besten ausgedrückt. Als er das fertige Master zum ersten Mal gehört hat, hat er gesagt „Oh! Cool! Endlich ein Master, das einen guten Mix nicht kaputt macht“. JOHN hat das perfekt geschafft, die guten Eigenschaften des Mixes beim Mastern hervorzuheben und das ist eine sehr wichtige Sache, denn gerade beim Mastern kann man viel kaputt machen.
Ben: Wie muss man sich denn den Aufnahmeprozess bei ELUVEITIE vorstellen, wenn ihr mit eurer Bataillon von Instrumenten anrückt?
Chrigel: Ich finde, dass das bei uns schon alles normal ist. Wir haben halt nur mehr Leute und mehr Instrumente als eine Standard-Metalband. Wir haben dieses Mal wieder in verschiedenen Studios aufgenommen. Die Metal-Instrumente und die Gesänge haben wir in der Schweiz eingespielt bei TOMMY VETTERLI, der auch CORONER und KREATOR gemacht hat. Das war eine Super-Erfahrung. Es war das erste Mal, dass wir bei ihm aufgenommen haben und ich hoffe, dass es nicht das letzte Mal war. Geige und Drehleier haben wir in Liechtenstein aufgenommen, wie schon bei den letzten Alben. Das ist ein Studio, das von Freunden von uns betrieben wird. Schlagzeug oder Gitarren würde ich da nie aufnehmen, aber für akustische Instrumente ist das top. Und wie schon beim letzten Mal haben wir die Flöten und Dudelsäcke in meinem Heimstudio aufgenommen.
Ben: Ihr wart ja sehr viel auf Tour in den letzten Jahren. Was ist der Trick, um nicht durchzudrehen, wenn man mit so vielen Personen auf Tour geht?
Chrigel: Ich beantworte das mal mit einer Gegenfrage: Waren wir jemals normal im Kopf? (lacht) Ich weiß nicht, wir alle sind einfach Musik-Junkies und das größte im Leben ist es für uns, Musik zu spielen, egal ob auf der Bühne oder im Studio. Das ist alles, was wir machen wollen. Deshalb sind wir glücklich, wenn wir auf Tour sein können und wir machen schon immer alles dafür, als Band vorwärts zu kommen und spielen zu können. Nimm als Beispiel unseren Schlagzeuger, den MERLIN. Der kam zu uns, als er noch sehr jung war. Er war vierzehn oder so. In seinem ganzen Leben hat er noch nie eine Ausbildung oder einen Job gemacht oder studiert oder so. Er hat einfach irgendwann für sich beschlossen, dass er Schlagzeuger werden will. Und dann ist er von der Schule abgegangen und hat seitdem jeden Tag seines Lebens zwischen acht und 17 Stunden pro Tag Schlagzeug gespielt. Und irgendwann kam er dann zu uns und jetzt spielt er eben bei uns weiter. Dass er ohne Job und Ausbildung auch nie wirklich Geld hatte, hat ihn dabei nie gestört. Er wollte nur Musik machen, das heißt er hat im Proberaum, einem Luftschutzkeller ohne Licht und Wasser gelebt und ist über die Straße ins Cafe auf die Toilette gegangen und hat sich beim Essen und so durchgemogelt. Und eigentlich hat jeder von uns so eine Geschichte. Inzwischen sind wir endlich so weit, dass wir ganz knapp von der Musik leben können, aber das passt, weil wir das machen können, was wir am liebsten machen. Insofern kann uns auch nichts Besseres passieren, als ausgiebig auf Tournee zu gehen.
Ben: Was vermisst du eigentlich wenn du so lange auf Tour bist?
Chrigel: Das kommt darauf an, wo ich auf Tour bin. Klar, wenn man auf Tour ist, dann lebt man in einem Bus und die Privatsphäre, die man hat, beschränkt sich auf die paar Quadratmeter der eigenen Kajüte. Das kann manchmal einengend sein, aber das ist das, was wir machen wollen, deshalb ist es nicht so schlimm. Was ich wirklich vermisse, wenn wir in Amerika auf Tournee sind, ist vernünftiges Essen. Das Brot in Amerika hat die Konsistenz von Zuckerwatte und außer Hamburger und Pommes gibt es nicht viel. Das ist echt zum Kotzen.
Ben: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was war das erste Album, das du dir gekauft hast und was war das letzte Konzert auf dem du als Zuschauer warst?
Chrigel: Mein erstes Album war „Peace Of Mind“ von IRON MAIDEN, das damals frisch raus gekommen ist und mein letztes Konzert war eine Schweizer Mundart-Band, die musikalisch zwischen Singer-Songwriter, Blues, Rock'n'Roll und Jazz pendelt und dabei immer einen leichten komödiantischen Aspekt hat, weil da aktuelle Themen zynisch abgehandelt werden.








