Lumous - Gothic Festival
”Da hat alles gepasst von vorne bis hinten”, war das einstimmige Echo sowohl der Festivalbesucher als auch der Bands. Kann es ein besseres Lob für einen Veranstalter geben, vor allem wenn er mit seinem ganzen Herzblut dabei ist? Wohl kaum. Das 9. Lumous Gothicfestival im finnischen Tampere steigerte sich mal wieder um Längen und war zum ersten mal in seiner Geschichte komplett ausverkauft. Doch fangen wir vorne an.
Donnerstag, 2.7.
Am Anfang war die Rajaportti Sauna und garantierte mit ihren über 100 Jahre alten Gemäuern genau den richtigen Start in ein unvergessliches Wochenende und ein fantastisches Eintauchen in die Festivalwelt des Lumous. Abgehetzt von der Arbeit oder einer langen Anreise hieß es: Kleider vom Leib, Bier in die Hand und den wohltuenden Aufguss der holzbeheizten Sauna beim Kennenlernen anderer nackter Goths zu genießen. Ich wurde gleich freudig von einer Neuseeländerin begrüsst, die extra für das Festival angereist war und hocherfreut schien, eine so ungezwungene Atmosphäre vorzufinden. Und vonwegen ”Im Saunaraum hat man leise zu sein”. Schön nach Männlein und Weiblein getrennt versuchten sich beide Seiten musikalisch zu übertönen, wobei die Herren mit ihrem leistungsstärkeren Organ den Sieg davontrugen. Draußen im Hof wurden Würstchen gegrillt, wo das Duo HENKKA & JUHANI recht bizarr und in unzähligen Versionen ihren Hit ”Anakonda” zum Besten gaben, der quasi gleich zur Festival-Jingle avancierte.
Und dann ging es in den Punkclub von Tampere: Vastavirta, der zur großen Überraschung aller schon gegen 22:30 Uhr restlos ausverkauft war. Die recht junge, tamperaner Band MURNAU'S PLAYHOUSE überraschte mit sehr eingängigem Gothic-Rock und New Wave-Elementen sogar die lokale Szene und legte somit einen gelungenen Auftakt hin. Die anderen Lokalmatadore SILENE mussten ihren Auftritt kurzfristig absagen, weil ein kleiner, neuer Erdenbürger es offenbar sehr eilig hatte und so sorgten die ersten deutschen Gäste für einen perfekten Abschluss dieses ersten Tages. GOLDEN APES aus Berlin breiteten einen wunderschön vielfältigen Klangteppich im Stile von DREADFUL SHADOWS im Club aus und ließen das dunkle Volk träumend dahintanzen. Doch da das finnische Gesetz bezüglich Zapfenstreich vor keinem Club halt macht und auch keine Ausnahmen duldet, waren alle kurzzeitig wieder in der Realität angekommen: Lichtsignal und innerhalb der nächsten halben Stunde müssen alle zur Tür raus sein. Die Parties gehen dann eben meistens in privaten Wohnungen oder Hotelzimmern weiter.
Freitag, 3.7.
Tagewerk geschafft, Freunde verköstigt und mit Bett, Handtüchern und dem Gästeschlüssel für die Wohnung ausgestattet, konnte es losgehen ins Klubi. Und prompt zu spät: die finnische Noise-/Industrialband GRUNT hatte schon gespielt. Obwohl viele Augenzeugen der Meinung waren, da hätten wir wenig verpasst und es wäre ziemliches krankes Zeug gewesen, hätte ich das gerade deshalb gerne mal gesehen. Und dann kamen DEVIANT von der Insel und die Finnen waren völlig aus dem Häuschen. Diese Rhythmen gingen ihnen direkt in die Beine und sollten auch noch beim Picknick am Sonntag für Gesprächsstoff und Lob sorgen. Und wer widerspricht? Ich. Bin ja auch kein Finne. Für die Tanzfläche in den Clubs absolut zu empfehlen, aber live mit ansehen muss man das nicht: anstrengendes Gepose und dann ”Timekiller” von PROJECT PITCHFORK zu spielen, auf einem Festival, auf dem die Meister das am nächsten Tag zehntausendfach besser machen würden, waren dann doch einen Tick zu viel für mich. Aber dann sprach ich mit Sänger JAY und ärgerte mich noch im selben Moment, dass ich nun unfähig sein würde einen völligen Verriss zu schreiben. Zu begeistert zeigte er sich von all dem, was ihm gerade widerfuhr: das tolle Publikum, das tolle Festival, die tolle Organisation, die Sonne, die nicht untergeht. Ach, einfach alles. Da war selbst ihr Rockstar-Gehabe fern der Bühne zu ertragen, denn unterm Strich haben DEVIANT alles richtig gemacht. Sie haben fast am gesamten Festival teilgenommen, alles mitgemacht, Kontakte geknüpft oder gepflegt und hatten für jeden Fan ein offenes Ohr und ein Lächeln. So stellen sich die Veranstalter das vor.
INKUBUS SUKKUBUS sollten den Abend krönen und sorgten mit einer sehr guten Mischung aus älteren und neueren Stücken für ein gelungenes Set. Da seien auch die furchtbar billig gemachten Videoeinspielungen auf der Leinwand verziehen und die Diskussion darüber, was alles aus der Konserve kam, mal dahin gestellt. Ihr Sympathiefaktor war riesig, denn Frontfrau CANDIA überstrahlt einfach alles und ist so in ihrem Element, dass es einfach Freude macht, ihr zuzusehen. Und all das verstärkt sich eigentlich nur in einem netten Gespräch mit ihr. Lust, schlafen zu gehen, hatte danach eigentlich keiner, aber wie immer wird man pünktlich rausgekehrt.
Samstag, 4.7.
Der Samstag startete gemütlich gegen Mittag auf dem Dark Market. Dabei dürfen die Dimensionen nicht überschätzt werden, denn es ist schon bemerkenswert, wie viele sich trauen, sich auf einem kleinen Markt wie Finnland so stark mit ihrem Geschäft zu profilieren. Mutig.
Und dann hieß es schon, sich ordentlich zu stärken, denn PROJECT PITCHFORK sollten Headliner sein. Dafür mussten bei mir schon mal das Dog's Home mit den ersten Bands für diesen Abend dran glauben und es ging straight ins Klubi.
Da wartete auch gleich die positivste Überraschung des gesamten Festivals: PATENBRIGADE:WOLFF. Endlich mal ein glaubhaftes Gesamtkonzept und eine ganze Menge Spaß – diese Art von Humor teilen die Finnen, denn mit dem großen Bruder hatten sie ebenso viel zu tun wie jeder Ostdeutsche und die Grenze nach Russland ist noch immer laaaang. VENDEMMIAN wirkten nach diesem Auftritt und vor PITCHFORK ziemlich deplatziert. Obwohl sie sich wacker schlugen. Dementsprechend gefrustet wirkten sie auch.
Und dann kam PROJECT PITCHFORKs lang ersehnter Auftritt. Denn dass die Hamburger an diesem Abend auf dieser Bühne standen, hatten sie in erster Linie ihren finnischen Fans zu verdanken. In einem Voting darüber, welche Band die Veranstalter unbedingt einmal nach Finnland bringen sollten, hatten sie die Nase vorn. Daher ist es wohl, umso unverständlicher, dass die Leute nicht komplett ausrasteten – na ja, ein finnischer Ausraster vor Freude ist eben viel gedämpfter – und PETER musste immer mal wieder fragen, ob auch noch alle wach sind. Wofür hatte ich eigentlich all die Energie gespart? Aber ich hatte eben bisher PITCHFORK nur in Deutschland live erlebt. Doch ab dem Punkt war alles egal und was soll's schon, sind eben die Leute von der Presse am meisten kaputt und durchgeschwitzt. Auch gut. Und genauso schnell, wie sie da waren, waren sie auch wieder auf dem Weg zurück in die Heimat.
Sense, Zapfenstreich, Aftershow-Party.
Sonntag, 5.7.
Wer schon einmal ein Lumous erlebt hat, der weiß, dass es sich lohnt, den Montag noch freizunehmen. Keiner kann sagen, wann es passiert, aber jeder weiß, dass es irgendwann im Laufe des Abends passiert: alle Dämme brechen und die Leute drehen voll ab. Durchgefroren vom Picknick im Park kamen auch die letzten vom harten Kern im Dog's Home an. Schnell den Pegel angleichen, die DJs JAAKKO, JO-UNI, JYRKI WITH, XAVIER & ZYNTHEXIA gaben sich gegenseitig das Zepter in die Hand und dann stand die letzte Band auf der Bühne: TRÜMMERFRAU aus Deutschland. Die waren schon einmal da und hinterließen damals ein gespaltenes Publikum. Während die eine Hälfte fand, die würden sich zu ernst nehmen, war die andere hellauf begeistert: ”Was für ein geiler Trash!” Die Wahrheit liegt ja immer irgendwo dazwischen und so war das Echo diesmal einstimmig: ”Das fetzt!” JAANA, alias DJ ZYNTHEXIA ersetzte kurzerhand die zweite Tänzerin und alle tanzten mit. Und dann kam er, der magische Moment. Im Forum waren Wetten abgeschlossen worden, ob DJ Jo-UNI sich während seiner Gigs das T-Shirt vom Leibe reißen würde. Und er tat es! Ab da gab es kein Halten mehr und die Finnen taten das, was sie in diesem Zustand am besten können: sich nackig machen. Die Herren der Schöpfung taten es Jo-UNI gleich, die Damen behielten zwar ihre Shirts an, verlagerten aber ihre Tanzfläche auf Tische und Stühle und TRÜMMERFRAU wussten für einen Moment nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. Da konnte plötzlich die schlimmste Partymucke gespielt werden und alle machten mit. Doch Frontman Jan fing sich schnell wieder und zeigte sich begeistert von dieser bizarren Situation. Nach all den Anstrengungen des Lumous und dessen Organisation war auch bei den Veranstaltern der Lack ab, allen voran JYRKI, der fast im Taumel ausrief, dass das Lumous komplett ausverkauft gewesen war und wir uns nun alle denken könnten, wie es ab jetzt weitergehen wird. Ja, das konnten alle. Nächstes Jahr steht das 10-jährige Jubiläum ins Haus und dann darf keiner mehr bis zur letzten Minute mit dem Kartenkauf warten, denn eines sollte es nach Möglichkeit bleiben: ein Club-Festival inmitten der Stadt Tampere.







