Nun ist die ostwestfälische Provinzmetropole Bielefeld, die ich als meine Heimatstadt bezeichnen muss, ja selten mit kulturellen Höhepunkten gesegnet. Umso erstaunter war ich, als mir die beste Freundin der Welt die Nachricht überbrachte, dass die Industrial-Helden IN THE NURSERY für einen von nur vier Deutschland-Gigs ausgerechnet im Herzen Ostwestfalens aufspielen würden. Noch dazu mit GOJA MOON ROCKAH als Vorband. Kollegin Shirin hatte auch Lust und auf ging es zur musikalischen Ménage à trois im Bielefelder Westen. GOJA MOON ROCKAH begannen das Konzert im leider nur halb gefülltem Forum mit ihrem 2011er Stück "Kalt" und blieben leider die komplette halbe Stunde Spielzeit in ihrer neuen "Low Fi Elektro Post Punk"-Schiene der aktuellen Veröffentlichungen. Schade, denn ich persönlich finde die alten, augenzwinkernden "NDW Disco Rock Sound" des Wismarer Trios gerade live deutlich angenehmer als das ruhige Vier-Spur-minimal-Elektro-Geplänkel der Gegenwart. Das Publikum ließ sich auch nicht wirklich mitreißen und hielt respektvollen Abstand zur Bühne. Aber das muss in Ostwestfalen nicht unbedingt an der Band liegen.
Nach recht kurzer Wartezeit betraten dann die Hauptakteure des Abends die Bühne. KLIVE und NIGEL HUMBERSTONE bedienten Saiteninstrument und Keyboards sowie Trommeln und Pauken. Die Zwillinge von IN THE NUSERY haben trotz 30jähriger Musik-Historie nichts von ihrem Spaß verloren. Unterstützt von einem weiteren Drummer und Dauersängerin DOLORES MARGUERITE C lieferten die vier vom ersten Song ("Crepuscule" aus dem neuen Album "Blind Sound") an ein stimmungsvolles Konzert. Die Pauken- und Trommel-arbeit des einen HUMBERSTONE erinnerte phasenweise an einen ekstatischen Derwisch und der Sound konnte nicht verhehlen, dass in den letzten Jahren viel Filmmusik (u.a. "Gran Torino", "Interview Mit Einem Vampir") von den Briten produziert wurde. Lediglich der Mischer hatte entweder keine Lust oder eine merkwürdige Auffassung von Sound. Die hervorragende Stimme DOLORES’ war für meinen Geschmack viel zu leise und hat mir einen Teil des Spaßes genommen.
Das Publikum kam jedenfalls auch näher an die Bühne als bei der ersten Band und erlebte mit dem Stück "Crave", zumindest was die Live-Präsentation angeht, eine Weltpremiere in der Puddingstadt. Die Musik von IN THE NURSERY ist sicher nichts zum ausgelassenen Rumzappeln, aber gerade die instrumentalen Stücke sind stimmungsvolle Erlebnisse (und waren auch gut abgemischt). Einige Stücke sind durchaus tanzbar und mir gefielen die liebevollen Details: nette Sampler, elektronische Drumbeats, mal düster, mal verträumt –
bisschen Neoklassik und eine Prise Martial Industrial, die können es einfach. 50 Minuten und leider nur zwei Zugaben später war es dann leider vorbei. Trotzdem: ein schöner Donnerstagabend mit teilweise bombastischer Musik.




