COPPELIUS

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DATUM
31.10.2010
ORT
Leipzig, Moritzbastei

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Wer das Bedürfnis hegt ab und zu alles um sich herum vergessen zu wollen und einfach der Hektik und dem Wandel des 21. Jahrhunderts entfliehen zu müssen, war an diesem Sonntagabend in der Moritzbastei Leipzig genau richtig.
Das Herren-Sextett COPPELIUS lud zu gemeinsamem Gesang und Tanz, um ihren neuen Opus „Zinnober“ nach der kürzlich erfolgten Veröffentlichung auch live dem gespannt lauschenden Auditorium nahe zu bringen. Nach dem Erstlingswerk „Time-Zeit“ und dem Folgenden „Tumult“ wurde es langsam Zeit für neues Material der verehrten Gentlemen.
Das Publikum hatte sich wie immer viel Mühe gegeben, um den Herrschaften einen gebührenden Empfang zu bereiten. Viele waren der Mode des 18. Jahrhunderts angemessen gekleidet. Zylinder trugen sowohl Damen als auch die Herren, Gehröcke und Abendkleider kombiniert mit Samthandschuhen sah man vielerorts.
Auf der etwas kleinen Bühne war schon alles bereitet und bereits über eine Stunde zuvor füllte sich der überschaubare Festsaal mit zahlreichen Anhängern der Formation. Doch natürlich musste vor dem Erscheinen der Instrumentenkünstler noch ein Feinschliff erfolgen. In gewohnter Manier betrat als erster BUTLER BASTILLE die Bühne und richtete die Details her. Da wurde noch einmal schnell das Kissen von Kontrabassist GRAF LINDORF aufgeschüttelt, die Stühle und Mikrofone zurechtgerückt und schließlich suchte BASTILLE auch noch einen passenden Radiosender, um die Wartezeit zu verkürzen. Doch das war kaum nötig, denn Pünktlichkeit ist eine Zier, die auch die sechs Herren von COPPELIUS zu schätzen wissen und so begann der Auftritt pünktlich um 20:30 Uhr.

Der Abend wurde eingeleitet mit „ Diener 5er Herren“ und das Publikum war von der ersten Sekunde an gefangen im Bann des 18. Jahrhunderts. BUTLER BASTILLE hatte ein fröhliches Pfeifen auf den Lippen, doch zugleich hielten COPPELIUS an ihrem Stil des Geschichtenerzählens fest und schilderten den Tagesablauf eines vielbeschäftigten Bediensteten. Etwas ruhiger, wenn man das so nennen kann, ging es weiter mit „Coppelius Hilft“ – eine Hommage an die Kritiker des letzten Albums. Das Sextett zielt hier direkt darauf ab, dass diese Art von Musik sicherlich nichts für jedermann ist, dennoch viele Menschen erreicht, berührt, sie im Alltag begleitet und ihnen schließlich bei den Prüfungen des Lebens hilft.
Die lyrischen Ergüsse im Allgemeinen handeln auch auf dem neuen Opus von mittelalterlichen Erzählungen, von Liebe, Lust, Leid, Verdruss und kurz gesagt: einem Leben mit all den Facetten, die auch im 21. Jahrhundert Parallelen zulassen.
Die rockige Kammermusik verführte die Anwesenden dazu, das Haupthaar wie wild durch die Luft wirbeln zu lassen und auch ein unterstützendes Mitsingen konnte nicht verhindert werden.

Der Titel des neuen Werkes „Zinnober“ heißt wörtlich übersetzt so viel wie „unsinniger Firlefanz“ – unsinnig oder nicht, an diesem Abend wurde einiges an Firlefanz geboten. Die Fülle an Instrumenten und die Interaktion der Spielenden untereinander bot ein gar illustres Bild. Man hatte teilweise Angst eine Szene zu verpassen, sollte man es wagen auch nur zu Blinzeln.
Einige der neuen Stücke haben wirklich Ohrwurmcharakter. Dazu zählen unter anderem „Risiko“, bei dem GRAF LINDORF seinen Auftritt hatte oder auch „Gumbagubanga“, das vom COMTE CASPAR vorgetragen wurde.
Tradition wird bei COPPELIUS groß geschrieben und so wurde auch alt Bekanntes und Geliebtes wie „Prowler“ oder „Tom y Creator“ zum Besten gegeben. Weiterhin schon oft gesehen aber immer wieder toll: das Spiel mit der Triangel, die an diesem Abend von einer Dame aus dem Publikum namens Ilka geschlagen wurde. Auch die gespielte(?) Konkurrenz zwischen den beiden Klarinettenspielern MAX COPPELLA und COMTE CASPAR. Hier wurde die Schuld auch von einem zum anderen geschoben, als einer der Klarinetteneinsätze verpatzt wurde.
Sicherlich ist es schwierig bei einem Haushalt, der aus sechs extravaganten Charakteren besteht, eine Einheit zu bilden, doch auf der Bühne gelang das den Herrschaften ohne Zweifel zu einhundert Prozent
Wirklich gut integriert in die geplanten Abfolgen waren Interaktionen mit dem Publikum. So fanden oft kurze Kontakte innerhalb der Menge statt. Sei es dass der COMTE CASPAR einmal quer durch den Raum gelaufen war, um dann die Pointe auf einer an der Wand montierten Leiter abzuhalten, oder er ließ sich auf dem Schultern BASTILLEs durch das Auditorium tragen.

Aber es blieb auch Zeit für spontane Ideenumsetzung. MAX COPPELLA und auch der COMTE hatten einst den Wunsch geäußert, mehr Haupthaar besitzen zu wollen. Die Anhänger möchten ihre Meister glücklich sehen und so erfüllten sie beiden den Wunsch mittels zweier Perücken. Eine in Bob-Form geschnittene kinnlange schwarze Perücke für MAX COPPELLA und eine langhaarige schwarz-rote für COMTE CASPAR. Diese wurden kurze Zeit später auch temporär für einen Song aufgesetzt, doch beide Herren fanden dieses Gefühl zu ungewohnt, so dass die Perücken den edlen Spendern zurückgegeben wurden.
BUTLER BASTILLE möchte da in nichts nachstehen und lieh sich kurzzeitig eine Brille aus dem Publikum. Diese stand ihm meiner Ansicht nach sehr gut, doch hatte er wohl Mitleid mit dem eigentlichen Besitzer, der ohne seine Sehhilfe das Konzert nur verschwommen wahrnehmen konnte und gab diese auch schnell wieder zurück.

Egal wo im Raum man war, so hatte man stets auch das Gefühl Augenkontakt zum einen oder anderen Instrumentalisten zu pflegen. Die manierlich gekleideten Herren konnten sich selbst nicht verwehren bei den rockigen Melodien mitzugehen und immer wieder das Auditorium zu animieren.
Nach der ersten Verabschiedung der Gentlemen und sehr lauten Rufen der Zuhörer nach Zugaben wurde ein kleines Duett mit Schlagzeuger NOBUSAMA und BASTILLE dargeboten. Die sehr innige Beziehung zwischen den beiden – BASTILLE saß auf NOBUSAMAs Schoss – zauberte Einigen ein Schmunzeln ins Gesicht.
Insgesamt musste die gesamte Formation zwei Mal zurück auf die Bühne kehren, denn die dröhnenden „Da Capo“-Rufe konnten wohl nicht überhört werden.
Bei ihrer zweiten Rückkehr waren die Herrenhausbewohner aber bereits etwas verstimmt. COMTE CASPAR wollte einen Wein zu sich nehmen, welchen er nun in Eile stürzen musste, damit dem Auditorium erneut etwas dargeboten werden konnte. GRAF LINDORF hatte sich schon die Schleife abgebunden und SISSY VOSS hatte sich schon ein Bad bereitet, das nun wohl kalt werden würde.

Doch auch der schönste Abend muss einmal enden, zumal nach einer Umfrage von BASTILLE es 50 zu 50 stand, wer aus dem Auditorium am Folgetag arbeiten muss und wer nicht.
Gewohnt herzlich verabschiedete sich der Diener von der Fan-Gemeinde, bedankte sich für einen wunderbaren Abend, warf Handküsschen in die Menge und erinnerte zum Schluss noch einmal daran: „Coppelius Hilft!“
So endete ein absolut stimmiger Auftritt, ein Abend den man gern noch einmal erleben möchte und viele tolle Eindrücken die helfen, die Überbrückung bis zur nächsten Live-Show zu überstehen.

Setlist:
Diener
Coppelius Hilft
Operation
Der Advokat
Schöne Augen
Risiko
Nachtwache
Coppelia
Prowler
Damen
Gumbagubanga
Phantom Of The Opera
Klein Zaches
To My Creator
Der Handschuh

+ diverse Zugaben

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AUTOR

Mandy
Mandy:
"Die Rückkehr zur Tradition und gezielt gelenktem Irrsinn"